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Kultur - 06.04.2019

Flying Pictures: Wenn Bilder fliegen lernen

Was passiert, wenn Berliner Breakdancer, brasilianische Street-Art-Künstler und der russische Komponist Mussorgsky in einem zeitgenössischen Museum aufeinandertreffen? Die Antwort gibt das „Flying Pictures“-Projekt.

Tänzer der Urban-Dance-Gruppe Flying Steps bei der Premiere ihrer Show „Flying Pictures “ im Hamburger Bahnhof Berlin

Wie würden Bilder klingen, wären sie Musik? Dieser Frage ging der russische Komponist Modest Mussorgsky schon 1874 in seiner zehnteiligen Suite „Bilder einer Ausstellung“ nach. Er ließ sich inspirieren von Zeichnungen und Aquarellen seines Freundes Viktor Hartmann, einem Künstler, Architekten und Designer, der die Werke bei seinen Reisen durch mehrere Länder schuf.

Rund 150 Jahre später haben die deutsch-indischen Komponistenbrüder Vivan und Ketan Bhatti Mussorgskys Partitur aufgegriffen und adaptiert. Aus der Neukomposition hat die urbane Tanzgruppe Flying Steps eine Show entwickelt, die Mussorgskys Frage erneut stellt: Wie sähen diese Bilder aus, wenn sie in Dance-Acts verwandelt würden?

Tanz mit einer überdimensionalen Breakdancer-Figur

Das Ergebnis mit dem klingenden Namen „Flying Pictures“ wurde nun in Berlin uraufgeführt. An einem Ort, der Neuland für Hip-Hop-Tänzer ist, nicht aber für Bilder und Ausstellungen: Berlins „Hamburger Bahnhof“. Das Museum für Gegenwartskunst diente bis 1884 als Bahnhof.

Wie die Straßenkunst ins Museum kam

Die Idee, urbanen Tanz und klassische Musik in einem Museum zu kombinieren, verwirklichten die Flying Steps erstmals bereits 2010, als sie ihre Produktion „Flying Bach“ in der Neuen Nationalgalerie in Berlin, einem Museum des modernistischen Architekten Mies van der Rohe, aufführten.

„Ungewöhnliche Risiken einzugehen: Genau das macht Museen zu lebendigen und kreativen Institutionen“, so Udo Kittelman, Direktor der Nationalgalerie und auch für den Hamburger Bahnhof verantwortlich. Die  Show wurde zum Ausgangspunkt einer internationalen Tournee, die aus der Berliner Gruppe einen der weltweit erfolgreichsten Urban Dance Acts machte.

Riesen-Verstärkung aus Brasilien 

Die Herren der Riesen: das brasilianische Künstler-Duo Osgemeos

Im Projekt „Flying Pictures“ sind es nicht nur die Tänzer, die Mussorgskys Musik in eine visuelle Form bringen. Mit dabei sind auch die brasilianischen Street-Art-Künster Otavio und Gustavo Pandolfo, deren Bühnenname wie ein Label anmutet: „OSGEMEOS“. Die „Zwillinge“, so die Übersetzung, steuern Figuren und Installationen bei.

Der Gelbe Mann steht in Berlin-Kreuzberg

Die Brüder, die in den 1980er Jahren in São Paulos Hip-Hop-Szene groß wurden, konnten sich schnell mit dem Projekt identifizieren, das verschiedene Einflüsse vereint: „Unser Großvater spielte klassische Musik, unser älterer Bruder war Künstler“, so die Pandolfos. „So wurden wir sowohl in der Familie als auch in der urbanen Szene São Paulos schon von verschiedenen Seiten inspiriert.“

Für Flying Pictures entwickelten OSGEMEOS visuellen Verweise auf die Zeichnungen Viktor Hartmans, integrierten aber auch ihren ganzen eigenen Stil in die Show.

Bekannt wurde die Brüder vor allem mit ihren „Riesen“, die sie als Wandmalereien auf der ganzen Welt hinterließen, darunter auch den sogenannten „Gelben Mann“ in Berlin, ein riesiges Graffito im Stadtteil Kreuzberg. Zu den Figuren und Requisiten, die sie für die Flying Pictures Show kreiert haben, gehört die aufblasbare Version eines riesigen „B-Boy“:  „Wir dachten, es wäre schön, einen unserer Riesen ins Museum zu bringen“, sagten sie. 

Sanfter Riese: Das brasilianische Künstler-Duo Osgemeos zeigte in Berlin einen Riesen-Breakdancer

Klassisches Orchester statt Boombox

B-Boying oder B-Girling ist der Begriff, der in der Szene das Wort „Breakdancing“ abgelöst hat, das bei Insidern in Verruf geraten ist – Mainstream-Medien, so die Kritik, hätten den Begriff überstrapaziert, um pauschal sämtliche Hip-Hop-Tanz-Stile  zu beschreiben. 

Bei Hip-Hop-Tänzern in New Yorks Bronx lief in den 1970er Jahren normalerweise eine Boom Box im Hintergrund. Die Berliner Flying Steps dagegen werden von einem Live-Orchester, dem Berliner Music Ensemble, begleitet.

Die Bhatti-Brüder fügten Mussorgskys Komposition nicht einfach nur einen elektronischen Beat hinzu; Vivan Bhatti beschreibt den kreativen Prozess als „Überschreibung“ und vergleicht ihn mit einem antiken Schriftstück, bei dem eine Manuskriptseite abgeschabt wurde, um für ein anderes Dokument wiederverwendet zu werden. „Das Original leuchtet durch diese neuen Töne, die von einem Orchester gespielt werden“, so der Komponist.

Ballett der noch nicht geschlüpften Hühner: Die Flying Steps setzen Hartmanns Zeichnungen von 1871 in die Tat um

Für die Beats ließen sich die Bhattis von den Techniken der Avantgarde-Musik des 20. Jahrhunderts inspirieren, mit denen sie ein kurioses Tuba-Spiel in eine Basstrommel oder die Schleife einer gezupften Violinsaite in eine zusätzliche Rhythmus-Schicht verwandelten. Daniel Mandolini alias Mando-Beatbox trug ebenfalls beeindruckende Rhythmen zur Show bei. Seine Beats sind so bunt, dass sie in der Tat Bilder malen.

Eine internationale Truppe

Die Flying Steps-Tänzer machen dem Namen der Truppe alle Ehre, scheinen sie doch der Schwerkraft zu trotzen, wenn sie  durch die Luft wirbeln. Und wie die Schöpfer der Produktion haben auch die acht Tänzer der Show internationale Wurzeln – in Sibirien, Brasilien, Mazedonien oder Äthiopien.

Der avantgardistische Ansatz der Komponisten könnte einen falschen Eindruck erwecken; doch die Produktion ist durchaus massentauglich und soll Leute jeden Alters ansprechen. Da Musik, Tanz und Street Art keine Sprachbarrieren kennen, sollte auch die neue Show den Flying Steps wieder internationale Türen öffnen. Und die „Flying Pictures“ werden sicherlich dazu beitragen, der älteren Generation die urbane Kunst und der jungen die Werke des russischen Komponisten Mussorgsky näherzubringen. 
 


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    Autorin/Autor: Gaby Reucher


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