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Kultur - 13.03.2019

Shakespeare im Europawahljahr

Im Sommer dreht sich im Globe-Theater in Neuss wieder einen Monat lang alles um William Shakespeare. Festivalleiter Rainer Wiertz empfiehlt im DW-Gespräch unter anderem die Satire „Macbett“ von Ionesco.

Rund 15.000 Besucher kommen jährlich ins Globe-Theater nach Neuss zum Shakespeare-Festival

Deutsche Welle: Was bringt das diesjährige Shakespeare-Festival auf die Bühne?

Rainer Wiertz: Wir werden Stücke von Shakespeare zeigen, natürlich in Englisch, der Originalsprache, und in Deutsch. Es werden aber auch Gastspiele aus Ungarn, Polen und Frankreich dabei sein. Außerdem werden wir Konzerte haben: ein Popkonzert und ein Opernkonzert.    

Das diesjährige Programm ist rein europäisch. Ist es ein Zufall?

Ich würde nicht sagen, dass es ein Zufall ist. Die Idee war, im Jahr der Europawahl einen europäischen Akzent zu setzen. Ich möchte aber im nächsten Jahr wieder versuchen, den amerikanischen und asiatischen Raum abzudecken.

Der osteuropäische Raum ist in diesem Jahr stark vertreten. So wird in Neuss eine „Richard III.“-Inszenierung des Maladype Theaters aus Budapest zu sehen sein.

Das ungarische Stück ist eine Inszenierung eines freien Theaters aus Budapest. Eine sehr, sehr gelungene Inszenierung, weil sie völlig einfach gehalten ist. Es gibt nur ein kleines Baugerüst auf der Bühne und die Schauspieler spielen um dieses Baugerüst oder in diesem Gerüst herum und machen eine sehr intensive Arbeit, die mir außergewöhnlich gut gefallen hat, obwohl man die Sprache natürlich nicht so gut versteht, aber wir bekommen deutsche Untertitel.

Werden auch politische Aspekte angesprochen?

In „Richard III.“ gibt es immer politische Aspekte. Ganz klar, es geht um einen Mann, der nach oben will und der, um diesen Weg zu beschreiten, über Leichen geht und in der eigenen Familie, aber auch außerhalb der eigenen Familie jeden aus dem Weg räumt, der ihm auf dem Weg zum Thron im Wege steht.

Dann gibt es auch einen Beitrag aus Polen, allerdings nicht ein Shakespeare-Stück, sondern eins von dem aus Rumänien stammenden französischen Autor Eugène Ionesco, dem Vater des Absurden Theaters – eine Satire inspiriert von Shakespeares „Macbeth“.

Ja, das Ionesco-Stück, das keiner kennt…Ein „Macbett“ von dem Hauptvertreter des französischen Absurden Theaters ist ein Rarissimum auf der deutschen Bühne. Ich habe selbst den Text auf Deutsch nur noch antiquarisch erwerben können, um ihn dann nach Polen schicken zu können, damit sie daraus die Untertitel für unsere Aufführung basteln können. Das Absurde Theater spielt ja mit Situationen, die so nicht vorgesehen sind. Und der Überraschungseffekt entsteht immer aus diesen Comic-Relief-Situationen. Und da haben wir jetzt bei „Macbett“ von Ionesco diese witzige Situation, dass Figuren vorkommen, die es eigentlich im Stück gar nicht gibt. Zum Beispiel eine Lady Duncan, die die Hexe spielt. Als dann Duncan nun tot ist durch Macbeth, heiratet dieser die Witwe und so wird aus Lady Duncan Lady Macbeth. Das Ganze spielt in dieser Inszenierung des Theaters Papahema aus Bialystokvon auf einem Golfplatz. Und Golfplätze waren – vielleicht ist es heute noch so – auch Umschlagplätze für politische Handlungen. Man hat sich getroffen, man hat überlegt, man hat Beschlüsse gefasst auf dem Golfplatz.

Rainer Wiertz vor dem Globe-Theater in Neuss

Was macht das Neusser Shakespeare-Festival so besonders?

Zunächst mal ist es das einzige Shakespeare-Festival in Deutschland. Das ist natürlich schon ein Alleinstellungsmerkmal und ein Unterschied zu anderen Festivals. Aber es zeigt eben vor allem auch die Bandbreite von Shakespeare und seine Auswirkungen. Wir zeigen ja nicht nur Shakespeare, sondern auch seine Zeitgenossen, moderne Adaptionen oder Musik, die sich mit Shakespeare befasst. Und insofern geht die Bandbreite über die 36 Stücke von Shakespeare hinaus. Und besonders ist auch, dass es immer wieder Inszenierungen gibt, die so anders sind, wo man wirklich überrascht ist, dass man das überhaupt jetzt so zu sehen bekommt.

Sie reisen viel und schauen sich viele Theaterproduktionen an. Nach welchen Kriterien suchen Sie die Stücke aus?

Neben verschieden Kriterien – etwa ob man ein Stück öfters schon gehabt oder noch nicht und unbedingt zeigen will – und solchen eher äußerlichen Kriterien, steht immer die Qualität an erster Stelle. Es muss eine hohe Qualität haben, damit ich es hier aufführen lasse. Sie müssen immer bedenken, die Leute kommen nicht nur aus Köln und Düsseldorf, sondern auch aus Aachen und Münster, sind also unter Umständen eine Stunde oder länger mit dem Auto unterwegs, um die Aufführungen zu erleben. Und da finde ich es schon wichtig, dass man die Menschen nicht enttäuscht.

Szene aus „Macbett“, eine Inszenierung des Theaters Papahema aus Polen

Und die Originalität der Inszenierung, nehme ich an: Es gibt Shakespeare-Stücke, die in mehreren Inszenierungen gezeigt werden – „Much Ado About Nothing“ („Viel Lärm ums nichts“), zum Beispiel. Das gibt es in der Eröffnung des Festivals, als Co-Produktion des Northern Broadsides, Halifax und New Vic Theatre, und gegen Ende mit den HandleBards aus London.

„Much Ado About Nothing“ ist ja ein Stück, das immer aktuell ist, weil es eben in einer Nachkriegssituation spielt. Und die Inszenierung von Northern Broadsides hat mich deshalb so fasziniert, weil sie in das Jahr ’45 verlegt ist und die Soldaten kommen, wie im Text, aus dem Krieg zurück und wollen jetzt einfach leben, die wollen Frauen lieben, die wollen wieder lachen, die wollen tanzen. Und das gelingt ja auch bis zu einem gewissen Punkt, als der böse Bruder dann die Braut verleumdet und es dann zu einem schlimmen Ende zu kommen scheint, was dann aber auch wieder abgewendet werden kann.

Sie leiten dieses Festival seit nun fast 30 Jahren. Gibt es noch Stücke, die im Neusser Shakespeare-Festival noch nicht gezeigt wurden?

Es gibt tatsächlich nach all diesen Jahren immer noch Stücke, die ich noch nicht gezeigt habe, zum Beispiel das historische Stück „Richard II.“. Das ist ein Desiderat, aber es wird eben selten aufgeführt. Sie müssen bedenken, die englischen Truppen, die das im Original aufführen würden, sind auch alles freie Gruppen. Und wenn man als freie Gruppe einen „Hamlet“ inszeniert, dann weiß man, dass man das auf sieben englischen Schlössern verkaufen kann im Sommer. Wenn sie „Richard II.“ inszenieren, dann kriegen sie vielleicht drei Gastspiele zusammen. Die reichen dann nicht, um das Stück zu finanzieren.

Jedes Jahr gibt es mehrere Theaterproduktionen aus Großbritannien, die im Neusser Globe auftreten. Der Brexit ist ein Thema, das uns alle intensiv in letzter Zeit beschäftigt. Und auch Kulturschaffende aus dem Brexit-Land machen sich Sorgen, welche Konsequenzen das Verlassen der EU für sie und ihre Arbeit haben könnte. Das Thema scheint auch in Guy Retallacks Inszenierung – „Twelfth Night“/ „Was ihr wollt“ – aus dem Londoner Bridge House eine Rolle zu spielen. Wird ein Brexit die Teilnahme britischer Inszenierungen erschweren?

Durch den drohenden Brexit und all die ungeklärten Fragen kann es natürlich zu Problemen bei der Einreise (Visa, Zoll etc.) kommen. Allerdings rechne ich zunächst nicht damit.

Am 7. Juli ist Kinder-Shakespeare-Tag in Neuss. Ist Shakespeares Sprache und Welt leicht vermittelbar?

Beim Kinder-Shakespeare-Tag geht es zunächst darum, spannende Geschichten zu vermitteln, die Zeit zu erklären, das Globe-Theater zu zeigen und durch Spiel und Spaß einen ungezwungenen Zugang zu Shakespeare zu ermöglichen. Die Sprache spielt eine untergeordnete Rolle.

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