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Sport - 13.03.2019

Als die Bayern überheblich an Liverpool scheiterten

Vor 38 Jahren duellierten sich Bayern und Liverpool schon einmal. Dabei verloren die Münchner – wegen ihrer Arroganz. Unser Autor erinnert sich.

Volle Haarpracht: Paul Breitner (l.) will 1981 Alan Hansen (Liverpool) stoppen.

Anders als Gerd Müller, Franz Beckenbauer oder Karl-Heinz Rummenigge hatte es die Vokabel „Demut“ schon immer schwer, sich einen Stammplatz beim FC Bayern zu erkämpfen. Die inoffizielle Präambel der Vereinssatzung lautet „Mia san Bayern, mia san mia, mia san stärker wia die Stier“, und dieser Verpflichtung sind sie in München traditionell nur zu gern nachgekommen. Zum Beispiel im April 1981, als sich die Bayern im Europapokal der Landesmeister mit dem FC Liverpool duellierten, wie auch in diesem Frühling, 38 Jahre später. Nur dass der Wettbewerb heute Champions League heißt und das rot-rote Duell nicht im Halbfinale ausgespielt wird, sondern in der Runde der letzten 16.

Liverpool fühlte sich gedemütigt

Damals wie heute eroberten die Bayern im Hinspiel an der Anfield Road ein 0:0, und mit ein wenig Glück wäre 1981 sogar noch mehr möglich gewesen. Kurt Niedermayer traf die Latte, Dieter Hoeneß vergab eine gute Münchner Torchance, ebenso Karl-Heinz Rummenigge, der zudem einmal elfmeterreif gefoult wurde. Nach diesem gelungenen Ausflug auf die Insel aber gingen die Stiere mit den Bayern durch. So empfanden es jedenfalls die Liverpooler, sie fühlten sich gedemütigt und wurden darauf selbst zu wütenden Stieren. Mit unangenehmen Folgen für die Münchner.

Vor dem Rückspiel im ausverkauften Olympiastadion wurden Flugblätter verteilt, in denen die 77.000 Zuschauer über die besten Anreisemöglichkeiten zum Finale nach Paris informiert wurden. Liverpools Abwehrchef Alan Hansen erinnerte sich so: „Sie sagten im Fernsehen nach dem Hinspiel ein paar herabwürdigende Sachen über uns. Dass wir keine Klasse hätten, keine Technik.“ Und dann war da noch ein Interview von Paul Breitner, aus dem der Gegner vor allem eine Botschaft herauszulesen glaubte, nämlich die, dass es Liverpools Spiel an Intelligenz mangele.

„Ich musste meine Mannschaft für dieses Spiel nicht motivieren“, sagte Liverpools Trainer Bob Paisley. „Das hat Breitner gemacht.“

Del’Haye trat Liverpools Klublegende um – die nachhaltigste Aktion seiner Münchner Zeit

Paisleys Assistent Joe Fagan hatte vorsichtshalber eine Transkription der fraglichen Passage an die Kabinenwand gepinnt. Liverpools späterer Matchwinner Ray Kennedy war sich im Nachhinein nicht ganz sicher, ob die Übersetzung denn ganz korrekt war, „aber es hat uns auf jeden Fall in die richtige Stimmung versetzt“.

Das eigentliche Spiel begann schlecht für den englischen Champion. Schon nach ein paar Minuten trat Bayerns Karl Del’Haye ohne jede Not Liverpools Klublegende Kenny Dalglish um. Del’Haye war zu Saisonbeginn für 1,3 Millionen Mark von Borussia Mönchengladbach gekommen und hatte für gewöhnlich einen Stammplatz auf der Ersatzbank. Diese Grätsche im Niemandsland war die nachhaltigste Aktion seiner fünf Münchner Jahre. Dalglish humpelte noch ein paar Minuten über den Platz, dann musste er aufgeben.

Die Liverpooler aber ließen sich auch durch diese Schwächung nicht aus der Ruhe bringen. Ihr Spiel war souverän und kühl und gegen alle Klischees, nach denen englische Mannschaften immer kopflos anzurennen hatten. Sie wurden auch nicht nervös, als eine Viertelstunde vor Schluss das Wechselkontingent aufgebraucht war, obwohl der fitgespritzte Ray Kennedy nur noch unter Schmerzen laufen konnte und sein Angriffspartner David Johnson von einer Achillessehnenverletzung gepeinigt wurde.

Augenthaler verschätzte sich – Kennedy nutzte es aus

Es war ein Zusammenspiel der beiden Lädierten, das den FC Liverpool ins Finale brachte. Bayerns junger Libero Klaus Augenthaler verschätzte sich bei einem langen Pass, so dass Johnson auf dem rechten Flügel ins Spiel kam. Seine Flanke in die Mitte fand den freistehenden Kennedy, der den Ball mit der Brust stoppte, hilflos beobachtet von Wolfgang Dremmler und Hans Weiner. Mit der nächsten Bewegung jagte Kennedy den Ball mit seinem schwächeren rechten Fuß in die linke Ecke, unhaltbar für den Münchner Torhüter Walter Junghans. 1:0 acht Minuten vor Schluss, „suddenly out of nothing“, japste der BBC-Reporter in sein Mikrofon. Das muss man wohl nicht übersetzen.

Die Bayern kamen zwar noch einmal zurück, aber mehr als das Ausgleichstor in der 87. Minute durch Rummenigge mochte ihnen nicht gelingen. Einmal noch wurde es ein bisschen gefährlich, aber da warf sich Torhüter Ray Clemence vor die Füße des eingewechselten Norbert Janzon. Ein anderes Mal baute sich Rummenigge vor Clemence auf und wollte ihn vor dem Abstoß irritieren, aber der Engländer lächelte nur und strich dem Deutschen beruhigend über die Schulter.

Kurz darauf war Schluss und Liverpool dank des Auswärtstors im Endspiel. Wenn es denn richtig ist, was der schottische Antreiber Graeme Souness später erzählte, dann verirrten sich ein paar seiner Kollegen in die Münchner Kabine, wo sie den fassungslosen Bayern zuriefen: „See you in Paris, chaps!“ Das Finale im Pariser Prinzenpark gewann der FC Liverpool vier Wochen später 1:0 gegen Real Madrid. Wieder schoss ein Kennedy das entscheidende Tor. Dieses Mal allerdings der Verteidiger Allen, weder verwandt, noch verschwägert mit dem Offensivmann Ray, dem Helden von München.

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