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Sport - 08.06.2019

„Der Titel ist das Ziel, das über allem steht“

Julian Draxler über seine Rolle im Nationalteam, den Konkurrenzkampf mit Marco Reus und das Ziel für die anstehende Fußball-WM in Russland.

Julian Draxler, 24, hat für Deutschland bisher 43 Länderspiele bestritten.

Herr Draxler, Sie wirken fast schon aufreizend entspannt. Haben Sie wenigstens vor der endgültigen Kader-Nominierung einen Moment mal gezittert?

Nein, das Selbstbewusstsein habe ich schon. Ich habe ein paar Titel gewonnen in diesem Jahr mit Paris, und ich habe mit der Nationalmannschaft recht gute Spiele gemacht. Deswegen war ich auch fest davon überzeugt, dass ich mit zur WM fahre.

Was meinen Sie, warum fällt es Ihrer Generation, die im vorigen Jahr den Confed-Cup gewonnen hat, so schwer, im Weltmeisterteam Fuß zu fassen?

Zum einen ist das zu erklären mit der Stärke der gestandenen Weltmeister, sie haben nicht nachgelassen seit der WM in Brasilien und sind nach wie vor wichtige Stützen der Mannschaft. Und – wer zu den besten elf in Deutschland gehören will, muss einen Prozess des Reifens durchlaufen, von heute auf morgen gelingt das höchst selten. Nehmen Sie mich, bei mir hat das sehr lange gedauert. Seit ich 18 war, bin ich hier dabei. Es hat fünf, sechs Jahre gedauert, bis man sagen kann, dass ich eine Rolle habe, die wichtig werden kann.

Sie kennen sich mit Konkurrenzkampf aus. Im Herbst noch mussten Sie permanent die Frage beantworten, ob Sie Paris nicht besser verlassen sollten. Ihr Verein hat 400 Millionen Euro für zwei Spieler ausgegeben, die auf Ihrer Position spielen.

Mit der Verpflichtung von Neymar und Mbappé, die Sie ansprechen, zwei absoluten Weltklassespielern, musste ich mir erst einmal eine Lücke in der Mannschaft suchen. Man muss sich mal diese Mannschaft hinlegen, wie viel Qualität da spielt. Aber gut, ich habe mich durchgebissen. Auch wenn ich nicht zufrieden bin, dass ich gegen Real Madrid nur eine kleine, um nicht zu sagen gar keine Rolle gespielt habe.

Sie reden vom Achtelfinale in der Champions League …

… genau, den eigentlich wichtigsten Spielen des Jahres. Der Konkurrenzkampf war extrem hart. Und so sprechen am Ende insgesamt 47 Einsätze, auf die ich gekommen bin, dann doch für sich. Ich nehme viel Positives mit, ich war verletzungsfrei, habe ordentlich gespielt, ich bin fit für die WM.

In Paris sind Sie notgedrungen auf die Achter-Position ausgewichen, im Nationalteam sehen Sie sich aber klar links?

Ja, bei der Nationalmannschaft bin ich in den letzten Jahren in diese Position reingewachsen, da habe ich auch meine stärksten Spiele gemacht. Wir haben viele vielseitige Offensivspieler. Thomas Müller kann zentral spielen, ganz vorn drin, er kann rechts spielen. Marco Reus kann auch vorn spielen, kann Zehner spielen und links. Ähnlich ist es bei mir, ich kann auch rechts spielen. Diese Variabilität ist wichtig, wenn man im Turnier etwas ändern muss. Aber ich sehe mich schon klar auf der linken Seite.

Dort heißt Ihr interner Konkurrent Marco Reus, der seit der EM 2016 gefehlt hat, aber hier selbstbewusst verkündet, im Turnierverlauf eine wichtige Rolle spielen zu wollen. Müssen Sie ihn fürchten?

Marco ist von seinen Qualitäten her ein außergewöhnlicher Spieler, der Spiele entscheiden kann, der unberechenbar ist. Deswegen bin ich in erster Linie auch froh, dass wir ihn jetzt in unserem Kreis haben, weil er auch eine Waffe ist. Aber ja, er ist auch ein Konkurrent, er spielt auch am liebsten links offensiv. Wir werden uns sicherlich in jedem Training pushen, jeder will beweisen, dass er der Bessere ist. Das ist für die Mannschaft doch nur förderlich, zumal wir diese Konkurrenzsituation auf vielen Positionen haben.

Für viele Experten ist der Kampf Draxler kontra Reus der härteste. Wie sehen Sie das?

Auf jeder Position ist er vielleicht nicht gleich hart, das stimmt schon: Ich denke, dass Marco und ich zwei Spieler sind, die … wie soll ich das sagen? Die vielleicht Überraschungsmomente in ein Spiel bringen können. Der Bundestrainer wird froh sein, dass er diese beiden Alternativen hat. Am Ende wird die Leistung den Ausschlag geben, wer spielt.

Eine dritte Alternative, Leroy Sané, musste abreisen, was einige überrascht hat. Sie auch?

Ja, das muss ich offen sagen: Es hat mich überrascht. Ich kenn’ ihn schon aus gemeinsamen Tagen bei Schalke, also lange. Leroy hat in England eine superstarke Saison gespielt. Ich glaube auch, wie der Bundestrainer es sagte, dass er das so in der Nationalelf noch nicht bestätigt hat. Ich persönlich finde das schade, ich habe seine Entwicklung gesehen. Daher denke ich, dass er nicht komplett aus der Bahn geworfen wird, dass er jetzt nicht dabei ist. Aber Sie haben recht, er ist nicht nur mein Freund, sondern wäre ein harter Konkurrent gewesen. Der Trainer wird seine Gründe gehabt haben, in welche Richtung auch immer: das Mannschaftsgefüge, vielleicht brauchte er einen Verteidiger mehr – ich weiß es nicht.

Vielleicht war es ein Signal an die Spieler der zweiten Reihe, die in den beiden Spielen gegen Brasilien und Österreich nicht überzeugt haben?

Ich kenne die Gründe des Bundestrainers nicht, ich kann es nicht sagen. Ich möchte mich auch nicht in die Position bringen, darüber zu urteilen, das steht mir einfach nicht zu.

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