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Sport - 06.02.2019

Die deutschen Skifahrer gehören bei der WM zu den Favoriten

Am Dienstag beginnt die Ski-WM in Are. In den Speed-Disziplinen haben vor allem zwei Deutsche Medaillenchancen.

KIRA WEIDLE

Eine gewisse Nervosität stellt sich langsam ein bei Kira Weidle, das ist ganz normal vor Beginn einer Weltmeisterschaft, aber große Gedanken macht sie sich nicht, was sie dort oben in Schweden erwartet. Sie weiß es ja, so halbwegs jedenfalls. Die Pisten in Are kennt sie bereits, ebenso die Besonderheiten von Großereignissen. Die Titelkämpfe sind bereits ihre zweiten, und auch ihre ersten Olympischen Spiele hat sie schon hinter sich. Kira Weidle gehört mit 22 Jahren also fast schon zu den Routiniers, in diesem Alter ist das nicht selbstverständlich, erst recht als Abfahrerin. Aber bei ihr scheint vieles ein bisschen schneller zu gehen als bei den meisten ihrer Konkurrentinnen.

Zwei für Deutschland. Kira Weidle wurde in Garmisch-Patenkirchen zuletzt Dritte in der Abfahrt. Josef Ferstl (unten) gelang vor…

In ihrer erst dritten Weltcup-Saison mischt sie bereits bei den Besten mit, zuletzt ließ sie in Garmisch-Partenkirchen als Dritte Weltmeisterin Ilka Stuhec hinter sich. Nicht einmal 20 Abfahrten benötigte Weidle, bis sie zum ersten Mal auf dem Siegerpodest stand, das war im Dezember in Lake Louise. Vergleichbar ist der rasche Aufstieg mit ganz Großen dieses Sports. Maria Höfl-Riesch schaffte es in ihrem neunten Abfahrtsrennen aufs Podest. Lindsey Vonn gelang es im 14. Rennen. „Ich bin in einem ganz guten Flow“, sagt Weidle.

Für Frauen-Cheftrainer Jürgen Graller kommt dieser Sprung nicht überraschend. „Wenn bei ihr alles zusammenpasst, haben wir noch viel Freude mit ihr. Kira bringt für die Abfahrt alles mit.“ Gute physische wie psychische Voraussetzungen und ein passendes Umfeld. Graller findet, dass sie „auch genügend Freiraum im Kopf“ habe. Den hat sie aber wohl nicht von Anfang an richtig genutzt. Nachdem sich Weidle im vergangenen Winter überraschend für die Olympischen Spiele in Pyeongchang qualifiziert hatte, war die damals 21-Jährige offenbar dabei, ein wenig die Bodenhaftung zu verlieren. Graller knöpfte sich seine Athletin anschließend vor. Eine Stunde habe er mit ihr diskutiert, und „das war kein feines Gespräch“, gibt er zu. Aber sie habe gelernt, ihre Leistung richtig einzuordnen.

Wenn Weidle sagt, sie sei „noch immer nicht ganz angekommen in der Weltspitze“, klingt dies aber mittlerweile fast zu bescheiden. Denn wer in den Abfahrten dieser Saison nur einmal schlechter als Achte war, darf schon von sich behaupten, zu den Besten zu gehören. Die Rolle, die sie nun Are einnimmt, ist deshalb eine andere als die vor zwei Jahren in St. Moritz und auch als im vergangenen Winter in Pyeongchang.

2017 war sie, ohne auch nur annähernd die Qualifikationskriterien erfüllt zu haben, mitgenommen worden. Davon profitiere sie dieses Mal, sagt Weidle. Die erste WM-Erfahrung sei „ein wichtiger Schritt für meine Entwicklung“ gewesen. Als eine der Favoritinnen sieht sich die Fünfte im Abfahrtsweltcup in Schweden zwar nicht, aber gerade bei Großereignissen gebe es immer mal wieder Außenseitererfolge, sagt sie. Dabei wäre es gar keine Überraschung, wenn Kira Weidle in Are zum dritten Mal in diesem Winter auf dem Siegerpodest landen würde.

JOSEF FERSTL

Josef Ferstl ahnte es schon, als er den Ort seines bisher größten Triumphs verließ: Als Super-G-Sieger von Kitzbühel hat man es nicht leicht. Viel Rummel in den Tagen danach, Schlafdefizit inklusive. „Natürlich war es anstrengend, aber das gehört dazu – und es hat auch Spaß gemacht“, sagte er. Zeit, um einen Platz für die goldene Gams, die Trophäe, zu suchen, hatte er keine. „Die steht noch auf dem Esstisch“, sagte er.

Da bleibt sie vielleicht auch erst einmal, bis der 30-Jährige von der Ski-WM in Are zurückkehrt. Ob der Erfolg auf der Streif Spuren hinterlassen hat, ob er ihn antreibt oder doch vielleicht bremst, weil die eigenen Erwartungen zu hoch sind, hat Ferstl nicht herausfinden können, denn die Generalprobe in Garmisch-Partenkirchen fiel aus. Er weiß nur: „Ich bin noch immer der Pepi, ich hab noch immer meinen Spaß, ich rede noch immer blöd daher.“ Das kam aber trotzdem gerade recht. „Kitzbühel hat so viel Energie gekostet, ich muss schauen, dass ich nicht in ein Loch falle“, gibt er zu. So ähnlich wie nach seinem ersten Weltcup- Sieg vor gut einem Jahr in Gröden. Damals war die Formkurve nach dem Triumph erst einmal steil nach unten gegangen, und bald schon lief ihm Thomas Dreßen den Rang ab.

In diesem Winter fehlt der Streif-Sieger von 2018 verletzt, auch Andreas Sander, der langjährige Zimmerkollege, fällt wegen eines Kreuzbandrisses aus. Im deutschen Speedteam trägt nun vor allem Ferstl die Hauptlast, für gute Resultate zu sorgen. Er hat geliefert und schaffte noch einen anderen, sehr schwierigen Schritt. In Kitzbühel emanzipierte sich Josef Ferstl endgültig von seinem Vater, der 40 Jahre vor ihm auf der Streif gewonnen hatte. Sepp Ferstl war natürlich Vorbild für den Sohn, der erst akzeptieren musste, dass er aus einem etwas anderem Holz geschnitzt ist. Ferstl senior war einst ein Draufgänger auf den Abfahrtspisten, unerschrocken bewegte er sich an der Grenze und manchmal darüber hinaus.

Der Junior, gibt er zu, „kommt mehr nach der Mama“. Die muss etwas besonnener, verhaltener sein. Sein Problem, gibt Josef Ferstl zu, sei immer der Kopf gewesen. Er überlege viel, manchmal, wie er findet, zu viel. Aber wer denkt, der bremst, so lautete eine alte Abfahrer- Weisheit. Ferstl musste erst lernen, das Limit auszureizen – ein Prozess, der noch immer nicht ganz abgeschlossen ist. Bei der Lauberhornabfahrt in Wengen Mitte Januar hatte er an entscheidenden Stellen etwas Tempo herausgenommen, statt durchzuziehen wie die Besten. Er habe noch nicht das Selbstverständnis eines Seriensiegers, sagte Ferstl. Das hatte im Übrigen sein Vater auch nie. Sepp Ferstl schaffte es in seiner Karriere nur dreimal auf die oberste Stufe des Podests.

In Schweden spielt die Familiengeschichte, die seinen zweiten Weltcup- Sieg begleitete, erst einmal keine große Rolle mehr. Höchstens dann, wenn er das schaffen würde, was seinem Vater nicht gelang: eine WM-Medaille zu gewinnen. Josef Ferstl ist seit Kitzbühel auf jeden Fall Mitfavorit im Super-G. Und auch diese Rolle nimmt er an. „Ich bin in Form und brauche mich nicht zu verstecken.“

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