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Sport - 11.07.2019

Doping ist nicht gleich Doping

Mit illegaler Leistungssteigerung betrügen Wettkampfsportler ihre Gegner, Freizeitsportler hingegen sich selbst – das hat Konsequenzen bei der Verfolgung.

Nicht für die Haare: Solche illegalen Präparate beschlagnahmte Europol bei der großen Anti-Doping-Razzia.

Es gibt da diesen Shampoohersteller, der lange offensiv mit dem Begriff Doping für sein Haarwuchsmittelchen warb. „Doping für die Haare. Nur für die Haare“, so lautete der Slogan. Der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) gefiel das überhaupt nicht. Sie sah eine Verharmlosung des Begriffs. Als dann auch noch das Sponsoring eines Profiteams aus dem notorisch verdächtigen Radsport mit dazukam, wurde es richtig hitzig: Das sei „ein größerer Skandal, als wenn ein Wasserträger der Tour beim Epo-Spritzen erwischt wird“, wütete Doping-Experte Fritz Sörgel.

Worte schaffen Realität und die Realität schafft Worte. Diese Binsenweisheit aus dem Linguistik-Grundkurs trifft auch auf das Thema Doping zu. Denn was als Doping bezeichnet wird und was sportrechtlich als Doping einzuschätzen ist, geht oftmals auseinander – harmlose Shampoos einmal ganz beiseite.

Das hat nun auch noch einmal das Bekanntwerden der bislang größten internationalen Anti-Doping-Razzia gezeigt, bei der in dieser Woche 3,8 Millionen illegale Präparate und gefälschte Medikamente beschlagnahmt sowie 234 Verdächtige festgenommen wurden. Denn schnell wurde bekannt, dass die Ermittlungen vor allem den Freizeitsport betreffen. Und dort ist Doping ein sehr schwammiger Begriff. Aus sportrechtlicher Sicht gilt nämlich nur als Doping, was im Wettkampfsport zur Anwendung kommt. Dort unterwerfen sich die Athletinnen und Athleten dem Reglement der einzelnen Verbände.

Das ist außerhalb von Wettbewerbs- und Verbandsstrukturen nicht nötig, Sport ist dann ein reines Privatvergnügen. Die Einnahme von leistungssteigernden Substanzen fällt hier unter das Thema Medikamentenmissbrauch. Der liegt zum Beispiel vor, wenn Präparate eingenommen werden, obwohl es dafür überhaupt keine medizinische Notwendigkeit gibt.

Wege, an die verschreibungspflichtigen Substanzen zu gelangen, gibt es verschiedene: Korrupte Ärzte oder Apotheker geben die Medikamente unter der Hand weiter, verordnen sie per Scheinindikation oder stellen Privatrezepte aus. Vor allem aber floriert der Handel mit leistungssteigernden Präparaten und gefälschten Medikamenten im Internet. Gegen deren Hintermänner richtete sich nun die weltweite Anti-Doping-Razzia.

Die Grenzen verlaufen fließend

Die Grenzen zwischen Doping und Medikamentenmissbrauch verlaufen jedoch fließend. Eine Eigenblutbehandlung steht im Rahmen des Wettkampfsports etwa auf dem Doping-Index. Außerhalb davon ist sie aber zulässig. Umgekehrt stehen Schmerzmittel nicht auf der Liste der verbotenen Substanzen, werden aber häufig missbräuchlich verwendet.

Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) verfolgt deshalb auch keinen Medikamentenmissbrauch, sondern nur – der Name sagt es – Dopingfälle; Fälle also, die dem Wettkampf- und Leistungssport entspringen. Denn dort betrügen die Athleten ihre Konkurrenz. Freizeitsportler, die sich mittels Medikamentenmissbrauch Leistungsvorteile verschaffen, betrügen dagegen lediglich sich selbst. Deshalb haben sie auch keine Strafen zu befürchten. Anders ist das in Dänemark: Dort kann die Anti-Doping-Behörde unangemeldete Dopingkontrollen in Fitnessstudios durchführen.

Der Kampf gegen leistungssteigernde Substanzen im Freizeitsport wird deshalb vor allem gegen die Hintermänner und Netzwerke geführt, so wie bei der weltweiten Anti-Doping-Razzia in dieser Woche. Der Name „Anti-Medikamentenmissbrauch-Razzia“ wäre vielleicht fast der passendere.

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