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Sport - 2 Wochen ago

Hamburgs König der Emotionen

Nach dem 4:0-Sieg beim Stadtrivalen FC St. Pauli feiert Doppeltorschütze Pierre-Michel Lasogga seinen HSV – und sich selbst gleich mit.

Kopf runter und durch. HSV-Stürmer Pierre-Michel Lasogga (r.) entkommt St. Paulis Marvin Knoll.

Es gibt Fußballspieler, die halten nach 90 schweißtreibenden Minuten lieber den Mund. Scheu rauschen sie an den ihnen hingestreckten Mikrofonen und aufgeklappten Blöcken der wissbegierigen Reporter vorbei, wie Rennpferde in vollem Galopp, bloß noch geradliniger. Noch ehe eine Frage ihr taubes Ohr erreicht, sind sie in der Kabine verschwunden, kommentarlos. Die schweigsame Rennpferdfraktion ist ein Graus für jeden Berichterstatter. Pierre-Michel Lasogga, der Zweitliga-Stürmer des Hamburger SV gehört nicht dazu. Dabei kann auch Lasogga ganz gut galoppieren. Allerdings vor allem über den Stadionrasen, wie er nach seinem Tor zum 1:0 im Stadtderby beim FC St. Pauli eindrucksvoll bewies.

Vor der Südtribüne, wo die Heimfans stehen, hatte Lasogga den Kopf im richtigen Moment hingehalten, der Ball flog über die Linie und der Torschütze anschließend auf die gegenüberliegende Seite. Dort reckten ihm die HSV-Fans ekstatisch freudvoll ihre Fäuste entgegen. „Da geh’n dann auch alle Lichter aus, es mussten kurz alle Emotionen raus“, erzählte Lasogga später von seinem Jubellauf, für den er „wahrscheinlich etwas unter neun Sekunden“ gebraucht habe. Die Worte sprudelten aus ihm heraus wie aus einer reinen Quelle, klar und frisch.

„Noch ein‘ Tick geiler“

Jedem, der es wissen wollte – und das wollten viele –, berichtete Lasogga über seine Gefühlswelt nach dem ersten Derbysieg gegen St. Pauli seit dem 19. April 2002, zusammengefasst war es so: „Ich hatte schon viele schöne Tage im HSV-Trikot, aber so ein Derbysieg tut besonders gut, gerade nach so langer Zeit.“ Aufgesogen habe er die Atmosphäre, so Lasogga, die gnadenlosen Pfiffe der gegnerischen Anhänger („Es ist irgendwie noch ein’ Tick geiler als zuhause“) und die rauchenden und qualmenden Blöcke („So ein bisschen Pyro gehört dazu“).

Pierre-Michel Lasogga, 27, genoss in vollen Zügen. Vielleicht auch deshalb, weil ihm immer noch ein wenig der Vorwurf anhängt, ein besserer Stolperer denn ein echter Torjäger zu sein. Die Art und Weise, wie der Fußballarbeiter Lasogga auftritt, galt im von der Löw’schen Schule inspirierten Kosmos als verpönt. Sie führte aber immer wieder zu erstaunlichen Ergebnissen. Denn wenn es für den HSV in die wichtigen Spiele ging, wühlte ihm Lasogga häufig einen Weg, grätschend, abstaubend, emotionsgeladen.

2014 bewahrte sein Treffer die Hamburger in der Relegation gegen Fürth vor dem Abstieg in Liga zwei, In der Saison 2016/17 traf er am vorletzten Spieltag in der Nachspielzeit zum 1:1 bei Schalke. Nur so konnte der HSV am 34. Spieltag gegen Wolfsburg doch noch den direkten Klassenverbleib feiern.

Den wichtigsten Retter aber gaben die Hamburger danach ab. Sie verliehen Lasogga nach insgesamt 96 Bundesligaspielen, in denen er 24 Tore erzielte, an Leeds United – und stiegen ohne ihn konsequenterweise ab. Für die Mission Wiederaufstieg spannte man ihn nochmal vor den wackeligen Karren, bislang erfolgreich. Zwölfmal traf Lasogga in dieser Saison schon für den HSV, drei Tore legte er auf. Achtmal waren es Tore, die zur Führung oder zum Ausgleich führten.

Oben angekommen. Der Derbyheld feiert sein Tor zum 0:3.

Wenn nichts geht beim spielerisch oft limitierten HSV, heißt die Hoffnung Lasogga. Das war auch gegen St. Pauli so. Die Gäste spielten zwar gut, 30 Minuten lang aber auch wirkungslos. Dann erzwang Lasogga einen Freistoß, Hunt traf die Latte und der zuvor Gefoulte sprang dem Ball derart hungrig nach wie eine Löwin einem humpelnden Zebra.

Seinem Instinkt folgte Lasogga auch beim Tor zum 3:0, als er aus sechs Metern flach einschob. Der Rest war ein rhetorisches Feuerwerk eines Fußballproletariers, wie er nicht mehr so oft anzutreffen ist. Von „Eiern in der Hose“ und diversen „Kerlen“ erzählte Lasogga später, und davon, dass er sich mit dem Verein bis aufs Letzte identifiziere. „Ich versuche immer, meine Gegner aufzufressen. Heute hat das ganz gut geklappt“, sagte Hamburgs neuer König. Sprach’s und trat freudig vor die nächste Kamera.

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