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Sport - 09.01.2019

Politisches Manöver oder Vorbote des Friedens?

Was bedeutet das gemeinsame koreanische Eishockey-Team der Frauen: Ist der Auftritt bei den Spielen von nachhaltiger Wirkung?

Da war die Welt noch in Ordnung. Korea vor dem Spiel gegen die Schweiz.

Gut, wenn man sich auf die Familie verlassen kann. Besser noch, findet Kim Jong Un vermutlich, wenn sich die Familie auch zu politischen Dienstbotengängen einsetzen lässt. Nordkoreas Machthaber hat seine Schwester Kim Yo Jong, zurzeit bei den Spielen in Pyeongchang, eine Einladung an den südkoreanischen Präsidenten übergeben lassen. Moon Jae In soll nun Kim in Pjöngjang besuchen. Der wolle Moon „so bald wie möglich“ treffen, teilte der Präsidentenpalast in Seoul am Samstag mit. Moon, der sich für Verhandlungen mit Pjöngjang einsetzt, reagierte zurückhaltend auf die Einladung. Zunächst müssten die „passenden Voraussetzungen“ für ein Treffen geschaffen werden. Er rief Nordkorea auf, sich endlich um einen ernsthaften Dialog mit den USA zu bemühen.

Für zwei Staaten, die sich nach dem Korea-Krieg in den Fünfzigerjahren offiziell nur im Waffenstillstand befinden, ist das immerhin eine Annäherung. Begonnen hat sie im Sport, wo man schon ein Stück weiter ist. In Pyeongchang präsentiert sich das Eishockeyteam der Frauen bereits als Einheit. Zwei Mitglieder der Mannschaft trugen am Freitag bei der Eröffnungsfeier die olympische Fackel auf die Tribüne. Am Sonnabend hatte das gemeinsame Team Süd- und Nordkoreas im Kwandong Hockey Centre seine olympische Premiere im Vorrundenspiel gegen die Schweiz. Gegen den Bronzemedaillengewinner von Sotschi setzte es für die Koreanerinnen eine 0:8-Niederlage. Die südkoreanischen Zuschauer feierten das Team trotzdem wie Siegerinnen, Fans hissten ein Transparent mit der Aufschrift: „Wir gehören zusammen“. Hat hier der Sport eine Einheit geschaffen, die ein Katalysator für die Politik ist? Oder wird der Sport nur von der Politik missbraucht?

Die Trainerin der gesamtkoreanischen Mannschaft ist US-Amerikanerin. Sarah Murray ist eine energische Person. Sie war, obwohl mit 1,60 Meter eher klein, eine harte Verteidigerin als Spielerin. Ihr Vater ist der Eishockeytrainer Andy Murray, der einst die Eisbären Berlin in Deutschland betreute und 1997 sowie im Jahr 2003 mit Kanada Weltmeister wurde. Zu derart großen Ehren hat es die Frau mit dem streng wirkenden Pferdeschwanz noch nicht geschafft. Einen großen Teil ihrer Karriere verbrachte sie in der Schweiz. Murray ist erst 29 Jahre alt und wäre sicher auch eine Verstärkung für die Defensive ihres koreanischen Teams. Die USA sind neben Kanada bei den Frauen im Eishockey führend, seit Jahren streiten nur diese beiden Nationen um die großen Titel.

Sportlich wird es nichts zu holen geben – zum Auftakt setzt es ein 0:8 gegen die Schweiz

Als bekannt wurde, dass Korea mit einem Team bei Olympia spielen würde, hat Murray zunächst gemault. Schließlich war nur Südkorea als Gastgeber für die Spiele qualifiziert. Vier lange Jahre hatte sich die Mannschaft auf den großen Traum vorbereitet und nun zählte das drei Wochen vor dem ersten Spiel bei Olympia nicht mehr. „Es ist eine harte Situation, dass unser Team aus politischen Gründen benutzt wird“, sagte Murray. „Aber es ist etwas, das größer ist als wir selbst.“

So sieht es auch eine andere US-Amerikanerin. Marissa Brandt wurde als Verstärkung für Südkoreas Team eingebürgert. Ihre bessere Schwester Hannah spielt in Pyeongchang für die alte Heimat um Gold, Verteidigerin Marissa will mit Südkorea die Vorrunde überstehen. Sie sagt: „Natürlich ist in unseren Hinterköpfen, dass hier etwas Größeres als Eishockey passiert durch dieses Team. Aber wir konzentrieren uns auf das Spiel und auf das, was wir kontrollieren können.“ Immerhin hat Brandt, die kein Koreanisch spricht, einen kurzen Draht zur Trainerin, die Englisch redet im Training, was dann für die Spielerinnen von Dolmetscherinnen übersetzt werden muss.

Murray hat ihr Team zusammengeführt. 22 Sportler aus Nordkorea sind bei Olympia am Start, darunter zwölf Eishockeyspielerinnen. 23 Spielerinnen aus Südkorea hatte die Trainerin schon. Insgesamt durften von 35 Spielerinnen nur 22 in den olympischen Kader. Von der Leistungsstärke war das das wohl weniger anspruchsvoll. Nordkorea liegt in der Weltrangliste auf Platz 25, Südkorea liegt auf Rang 22. „Bei uns Frauen war es aber so, dass der Norden uns noch vor drei, vier Jahren immer geschlagen hat“, sagte Murray. „Wir haben aber große Fortschritte gemacht.“

Schweizerinnen verstehen keinen Spaß. Koreas Torhüterin Shin So Jung hatte dafür keinen Spaß.

Dabei wäre es ein noch größeres Statement gewesen, auch bei den Männern im Einheitsteam anzutreten. Doch das kam angesichts sportlichen Ungleichgewichts nicht zustande. Südkorea, gespickt mit eingebürgerten Nordamerikanern, wird im Mai in Dänemark erstmals bei einer A-Weltmeisterschaft antreten. Nordkorea (Weltranglistenplatz 39) spielt vorher bei den Männern international in der fünften WM-Klasse gegen Eishockeyzwerge wie Mexiko und Neuseeland.

Doch was bedeutet bei den Frauen schon sportliches Gleichgewicht, wenn die Spielerinnen aus zwei so verschiedenen Systemen kommen. Sarah Murray befürchtete eine feindselige Atmosphäre. Doch jetzt sagt sie: „Es läuft großartig.“ Und die – südkoreanische – Torhüterin Shin So Jung erzählt: „Wir haben am Meer gemeinsam die Brise genossen, zusammen gelacht und ein paar leckere Sodawasser getrunken.“

Was aber noch nicht heißt, dass es wirklich so ist. Denn in Südkorea wollen sie natürlich nach außen hin keine Disharmonie demonstrieren. Zumal sich bei Bekanntwerden des gemeinsamen Teams Unmut breitgemacht hatte. Eine Spielerin hatte geschimpft, es sei zum Heulen. Shin So Jung hatte der Zeitung „Chosun Ilbo“ sogar noch gesagt, dass ihre Mitspielerinnen „frustriert und entmutigt“ seien. Angeblich waren 70 Prozent der Südkoreaner gegen ein vereinigtes Eishockeyteam. Trainerin Murray sagte am 17. Januar noch: „Ich fragte mich: Wie soll das gehen? Teamgeist kannst du jetzt vergessen.“ Aber vor knapp drei Wochen hatten die Spielerinnen womöglich noch nicht die Dimension der Geschichte durchschaut. Trainerin Murray sagte: „Wir sind doch nur hier, um zu spielen, und nicht, um ein politisches Statement zu machen.“

Das dürfte schwer werden, die Politik spielt nun immer mit, wenn Südkorea aufs olympische Eis geht. Nach dem Auftakt gegen die Schweizer geht es in Gangneung gegen Schweden und Japan. Der Botschafter Südkoreas in Deutschland hat vor ein paar Tagen gesagt: Beide Staaten kämen sich bei Olympia näher, eben durch das gemeinsame Eishockeyteam. Das Team sei ein Stück „Einheit“ und bringe Süd- und Nordkorea ein Stück weit zusammen. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, hatte die in Südkorea heftig kritisierte Zusammenführung als „ein großartiges Symbol der vereinigenden Kraft des olympischen Sports“ bezeichnet.

„Wir sind eins“. Südkoreanische Fans mit einem Transparent während des Spiels.

Das erste und einzige gemeinsame Spiel vor der Premiere bei Olympia hatte das neue Team Korea 1:3 gegen Schweden verloren. Das war achtbar, allerdings kommen in der Vorrunde nur zwei von vier Teams weiter, die dann gegen den dritten und vierten aus der anderen Gruppe um die Ehre spielen dürfen, im Halbfinale gegen die USA und Kanada unterzugehen. Nach der Niederlage gegen die Schweizer müssen die Koreanerinnen nun ihr nächstes Spiel am Dienstag gegen Schweden gewinnen. Wahrscheinlich ist es nicht, dass sie das schaffen. Am Donnerstag steht dann gegen Japan schon das womöglich letzte Spiel des Teams Korea auf dem Programm.

Und dann ist die Politik wohl wieder dran, wenn das Team Korea Geschichte ist: In den USA sind Kims Gesprächsangebote argwöhnisch zur Kenntnis genommen worden. Während Südkoreas Präsident Moon bei der Eröffnungsfeier freundlich lächelnd der Schwester von Kim Jong Un die Hände schüttelte, vermied US-Vizepräsident Mike Pence den Kontakt mit der nordkoreanischen Delegation. Kurz zuvor hatte er die Absicht der USA bekräftigt, den Druck auf Nordkorea mit weiteren Sanktionen zu erhöhen. Auch Moon stehe hinter diesem Vorgehen.

Die Schwester von Kim Jong Un war gemeinsam mit Kim Yong Nam (protokollarisch das Staatsoberhaupt Nordkoreas) beim Spiel gegen die Schweiz unter den 6000 Zuschauern. Will Nordkorea mit dem Einheitsteam wirklich nur Frieden stiften oder gar einen Keil zwischen Südkorea und die USA treiben?

Die Antwort erscheint kompliziert. Eines ist aber sicher: Die Geschichte des koreanischen Eishockeyteams wird als ein großes Kapitel in die Geschichte der Olympischen Spiele eingehen. Ob als Frieden stiftend oder als Schachzug eines Diktators – das zweite Kapitel auf der politischen Ebene ist noch spannender als das sportliche Abschneiden des Teams. Denn da ist nach der klaren Niederlage gegen die Schweiz mit wenig zu rechnen: Korea wird chancenlos sein.

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