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Wirtschaft - 13.06.2019

Das unterschätzte Finanzprodukt

1769 verfügte Friedrich der Große den ersten Pfandbrief. Das Papier ist eine Erfolgsgeschichte, war in der Finanzkrise stabil und dient als Basis für Baukredite

Pfandbriefe gibt es in Deutschland seit fast 250 Jahren. Historische Papiere haben Sammlerwert.

Es ist in diesen – gerade an den Kapitalmärkten – schnelllebigen Zeiten ein höchst erstaunliches Finanzprodukt. Der Pfandbrief spielt auch 250 Jahre nach seiner ersten Begebung aufgrund einer Kabinettsorder von Friedrich dem Großen immer noch eine zentrale Rolle, wenn es um Finanzierungen, Kredite und Geldanlagen geht. Am 29. August 1769 verfügte der spätere König von Preußen die Errichtung der Schlesischen Landschaft – einer Zwangsvereinigung adliger Großgrundbesitzer – als öffentlich-rechtliche Bodenkreditanstalt.

Im Dezember 1770 gab sie den ersten landwirtschaftlichen Pfandbrief zur Refinanzierung heraus und legte damit den Grundstein für eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte. Mit fünf Prozent waren die Papiere damals verzinst – eine Rendite, von der Pfandbriefanleger heute nur träumen können. Bei kurzen Laufzeiten liegen sie aktuell im negativen Bereich, bei zehn Jahren sind es rund 0,4 Prozent.


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Anfangs ging es um die Finanzierung der Landwirtschaft

Auch wenn das Jubiläum eigentlich erst in knapp drei Monaten ansteht, feiert der Branchenverband vdp das ganze Jahr. Kein Wunder: Die preußische Finanzinnovation gilt als eine deutsche Erfolgsgeschichte. Diente das Wertpapier zunächst nur zur Lösung von Finanzierungsfragen in der Landwirtschaft, gewann es über die Jahrzehnte und Jahrhunderte zentrale Bedeutung auch für andere Bereiche. Vor allem für die Finanzierung von Kommunen, Länder und Staaten.

Die grundsätzlichen Bedingungen des Pfandbriefs basieren auf dem Hypothekenbankgesetz aus dem Jahr 1899. Danach ist der Pfandbrief eine Bankschuldverschreibung, die, wie es beim vdp heißt, „mit dem Konkursvorrecht an einer Deckungsmasse aus erststelligen Hypotheken auf Grundstücke ausgestattet war, deren Wert sorgfältig ermittelt werden musste und nur bis zu einer bestimmten Beleihungsgrenze beliehen werden durfte“. Pfandbriefe sind mündelsichere Wertpapiere: Sie unterliegen strikten gesetzlichen Vorschriften und gelten deshalb als sehr sichere Anlage, die sonst nur staatliche Emittenten bieten. Mit dem Pfandbriefgesetz 2005 wurde es schließlich im Prinzip allen Kreditinstituten erlaubt, Pfandbriefe auszugeben.

Auch in der Finanzkrise blieb der Pfandbrief stabil

Schon bis dahin hatte sich das Finanzinstrument dank seiner hohen Sicherheit und Transparenz zu einem Exportschlager des Finanzplatzes Deutschland entwickelt. Es war die Basis für international ähnlich ausgestaltete Papiere, die Covered Bonds, also durch Sicherheiten gedeckte Anleihen. Die hohe Qualität des Pfandbriefs bestätigte sich in der höchst kritischen Lage an den Finanzmärkten vor elf Jahren. „Die Finanzkrise 2008 war in gewisser Weise der große Lackmustest für den Pfandbrief, den er erfreulicherweise bravourös bestand“, sagt Louis Hagen, Präsident des vdp. „Die Struktur des Produkts hat in diesen unruhigen Zeiten viel Vertrauen erweckt und es hat sich gezeigt, dass der Pfandbrief ein sehr stabilisierendes Element am Kapitalmarkt ist.“ Allein zwischen September 2008 und Januar 2009 wurden neue Pfandbriefe im Volumen von 54 Milliarden Euro platziert. Die Bundesregierung klammerte den Pfandbrief wegen seiner hohen Sicherheit ausdrücklich von den Rettungs- und Stabilisierungsmaßnahmen aus. „Im Unterschied zur Verbriefung“, heißt es beim vdp, „wurde der Pfandbrief nicht als Teil des Problems, sondern als ein Teil der Lösung zur Einhegung der Gefahr künftiger Finanzkrisen wahrgenommen.“

Heute gibt es rund 80 Institute, die Pfandbriefe ausgeben. Viele hätten vor allem durch die Finanzkrise die Vorzüge des Pfandbriefs, etwa seine regulatorische Privilegierung und die Funktion als Liquiditätsanker in schwierigen Zeiten, entdeckt, so der vdp. Ende 2018 waren öffentliche Pfandbriefe im Volumen von 369 Milliarden Euro in Umlauf, der Absatz lag bei 50 Milliarden Euro. Auch das zeigt nach Ansicht von vdp-Präsident Hagen, dass der Pfandbrief lebt. Nachgefragt wird er vor allem von institutionellen Investoren wie Fonds und Versicherungen. Privatanleger spielen kaum eine Rolle.

Was die Pfandbriefe mit Immobilienkrediten zu tun haben

Für sie sind Pfandbriefe trotzdem wichtig, weil sich an ihren Konditionen und Renditen die Zinsen für Hypothekenkredite orientieren, wie Sigrid Herbst von der Finanzberatung FMH sagt. Denn Hypothekenbanken refinanzieren die von ihnen ausgegebenen Darlehen für den privaten Wohnungsbau wie auch den gewerblichen Bau über Pfandbriefe. Plant eine Bank die Vergabe eines Baudarlehens über 100 000 Euro für zehn Jahre, muss sie sich vorab die Mittel über die Ausgabe eines Pfandbriefes mit derselben Laufzeit sichern. Die Konditionen, die sich an den Renditen gleich lang laufender Bundesanleihen orientieren, sind Grundlage für den Baukredit. Weil die Bank ihre Kosten decken muss und auch Geld verdienen will, schlägt sie durchschnittlich 0,5 bis 0,7 Prozentpunkte drauf. „Wenn sich etwa bei zehnjährigen Pfandbriefen die Konditionen ändern, sehen Sie das schon wenige Tage später in der Baufinanzierung“, sagt Herbst. Pfandbriefe, die der Refinanzierung von Hypothekendarlehen dienen, müssen aufgrund der gesetzlichen Vorschriften zu jeder Zeit und in gleicher Höhe durch erststellige Hypotheken mit mindestens dem gleichen Zinssatz gedeckt sein.

Es gibt auch Schiffs-, Flugzeug- und öffentliche Pfandbriefe für die Finanzierung von Schiffen, Flugzeugen und Investitionen, etwa von Kommunen. Mittlerweile sind angesichts der steigenden Nachfrage auch „grüne“ Pfandbriefe im Kommen, um etwa Vorhaben aus dem Bereich Umwelt, Klima und Soziales zu refinanzieren. Gäbe es ihn nicht, müsste man ihn erfinden, sagen heute Finanzexperten über den Pfandbrief. Das hat Friedrich der Große vor 250 Jahren sicher nicht geahnt.

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