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Wirtschaft - 20.10.2018

„Europa muss Trump etwas anbieten“

Würden die USA im Handelsstreit die WTO verlassen, hätte das schwerwiegende Folgen. Für die Welt wäre das wie der Brexit für die EU, sagt Ökonom Gabriel Felbermayr im Interview.

Wir müssen den freien Welthandel verteidigen, meint Ökonom Felbermayr.

Herr Felbermayr, US-Präsident Trump droht mit Zöllen auf Autos. Was steht für Deutschland auf dem Spiel?

Ungefähr 21 Milliarden Euro an Exporten – ein Fünftel der deutschen Exporte in die USA – wären von den Autozöllen betroffen. Diese Exporte machen 0,7 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus. Im Unterschied zu den Stahl- und Aluzöllen sind das volkswirtschaftlich relevante Größen, so dass diese Zölle Folgen für Wirtschaftswachstum und Beschäftigung haben könnten. Nach unseren Berechnungen würden die Zölle langfristig zu einer Reduktion des BIP von circa 0,2 Prozent führen. Das wäre spürbar. Die gute Nachricht: Die deutsche Wirtschaft brummt (noch), so dass diese negativen Effekte insgesamt verkraftbar sein würden.

Ist es denn sinnvoll, dass die EU auf die Strafzölle der USA mit eigenen Strafzöllen reagiert?

Es ist wichtig, den freien Welthandel zu verteidigen und das Brechen von Regeln nicht achselzuckend hinzunehmen. Erstens, um Druck in den USA aufzubauen, und zweitens, damit der amerikanische Protektionismus nicht Schule macht. 80 Prozent der deutschen Exporte außerhalb der EU gehen nicht in die USA. Kollabiert die Welthandelsorganisation (WTO), steht viel mehr auf dem Spiel als nur der Handel mit Amerika. Daher machen Gegenzölle Sinn. Gleichzeitig muss die EU konkrete Verhandlungsangebote machen. Trump kritisiert zurecht unsere hohen Importzölle auf Autos. Wir sollten in einem TTIP-light daher die bestehenden Barrieren zwischen EU und USA wegverhandeln.

Gabriel Felbermayr (42) leitet das Zentrum für Außenwirtschaft am Ifo-Institut.

Es gibt die Idee, dass die USA und die EU die Autozölle beidseitig auf null senken. Was halten Sie davon?

Leider ist das nicht so einfach. Das WTO-Recht erlaubt das nur, wenn die EU und die USA ein Freihandelsabkommen schließen, das den allergrößten Anteil des Handels umfasst. Das heißt, andere Industriegüter, Agrargüter, Lebensmittel und Dienstleistungen müssten auch enthalten sein. Dann wären wir zurück bei TTIP – samt Chlorhuhn. Alternativ können die EU und die USA die Autozölle gegenüber allen WTO-Mitgliedern senken. Dass heißt, auch gegenüber China oder Indien. Dagegen gibt es in der EU und natürlich auch in den USA aber erheblichen Widerstand.

Die WTO-Regeln interessieren Trump nicht, er droht gar mit dem Austritt aus der Organisation. Welche Folgen hätte das?

Für die WTO wäre es verheerend, wenn die größte Volkswirtschaft der Welt nicht mehr mitmacht. Das wäre für die Weltgemeinschaft so wie der Brexit für die EU. Zwar würde die WTO auch ohne die USA weiter funktionieren, aber ihre Attraktivität besteht ja gerade darin, dass nahezu alle Länder der Welt sich im Handel an einheitliche Regeln halten, und dass Erpressungsversuche einzelner Länder scheitern.

Brauchen wir eine Reform der WTO?

Ja, denn die Regeln der WTO passen nicht mehr zur Realität des Welthandels im 21. Jahrhundert. Die Regeln sagen zu wenig über digitalen Protektionismus, den Schutz geistigen Eigentums in globalen Wertschöpfungsketten oder die Rolle von Staatsunternehmen. Aber zunächst brauchen wir ein unbedingtes Bekenntnis zum Multilateralismus. Erst dann macht es Sinn über einzelne Regelungen zu verhandeln.

Sollte sich die EU neue Bündnispartner suchen – etwa China?

Alle Länder, die das multilaterale System im Prinzip akzeptieren und sich den Schiedssprüchen der WTO beugen, sollten bei der Verteidigung des liberalen Welthandelssystems zusammenstehen. Da gehört China selbstverständlich dazu, und ist damit ein logischer Verbündeter der EU. Das heißt nicht, dass die EU mit China nicht in vielen Bereichen Streit hat. Aber diese Diskussionen finden im Rahmen der WTO statt. Das ist der große Unterschied mit den USA unter Trump.

Gabriel Felbermayr (42) leitet das Zentrum für Außenwirtschaft am Ifo-Institut. 2019 wechselt er als Präsident zum Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

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