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Wirtschaft - 05.02.2019

Germania ist insolvent – Flugbetrieb sofort eingestellt

Erneut ist eine Berliner Fluggesellschaft zahlungsunfähig. Die Flugzeuge bleiben am Boden. Ein Berliner Anwalt ist vorläufiger Insolvenzverwalter.

Check-In-Schalter der Fluggesellschaft Germania am Albrecht Dürer Airport in Nürnberg

Die Zeichen hatten sich in den vergangenen Wochen und Tagen verdichtet, dass es für die Berliner Fluggesellschaft Germania zu Ende geht. Doch die Geschäftsführung hatte bis zuletzt Durchhalteparolen verbreitet: Um 1.45 Uhr am frühen Dienstagmorgen teilte sie aber schließlich mit, dass die zentralen Teil-Gesellschaften Germania Fluggesellschaft mbH, Germania Technik Brandenburg GmbH und Germania Flugdienste GmbH den Insolvenzantrag beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eingereicht hätten. Der Flugbetrieb sei noch in der Nacht eingestellt worden.

Ein Berliner Jurist hat nun als vorläufiger Insolvenzverwalter die Zügel in der Hand. Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg habe Rüdiger Wienberg in diese Funktion bestellt, sagte ein Sprecher Wienbergs am Dienstag auf Anfrage. Es handele sich um ein klassisches Regelinsolvenzverfahren und nicht um eines in Eigenverwaltung. Bei letzterem wäre das Management bis auf Weiteres an Bord geblieben, bei einer Regelinsolvenz übernimmt hingegen ein Insolvenzverwalter die Führung. Zuvor hatte die „Wirtschaftswoche“ über die Personalie berichtet.
Mit dem Beschluss des Amtsgerichts hat das vorläufige Insolvenzverfahren begonnen. Dabei wird geprüft, ob die Voraussetzungen für die Eröffnung des eigentlichen Insolvenzverfahrens vorliegen. Auf Grundlage eines Gutachtens des vorläufigen Insolvenzverwalters entscheidet das Gericht. Der erste Schritt sei nun, dafür zu sorgen, dass die Mitarbeiter weiter Gehalt bekommen, hieß es vom Wienberg-Sprecher.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Germania wurden über diesen Schritt informiert, hieß es. Die Schweizer Germania Flug AG und die Bulgarian Eagle seien davon aber nicht betroffen. Diese beiden Gesellschaften fliegen also vorerst weiter, verfügen aber nur über jeweils zwei Flugzeuge. Demnach sind 33 Flieger der gesamten Germania-Flotte nun aus dem Verkehr gezogen.

In Berlin wurden am Dienstagmorgen alle acht Germania-Flüge gestrichen. Das geht aus der Abflugliste der Flughafenbetreiber-Seite hervor. Betroffen sind in Tegel klassische Ferienziele – und derzeit sind in Berlin Winterferien – wie die Kanaren (La Palma, Fuerteventura, Lanzarote), aber auch Flieger nach Tel Aviv und Gaziantep. „Gestrichen“, steht auf der Internetseite der Berliner Flughafengesellschaft. In Tegel versammelten sich am Dienstagmorgen etwa 30 Gestrandete, der Frust war groß.

Karsten Balke, Geschäftsführer und wichtiger Miteigentümer der Germania Fluggesellschaft mbH, ließ mitteilen: „Leider ist es uns schlussendlich nicht gelungen, unsere Finanzierungsbemühungen zur Deckung eines kurzzeitigen Liquiditätsbedarfs erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Wir bedauern sehr, dass uns als Konsequenz daraus keine andere Möglichkeit als die der Insolvenzantragstellung blieb.“

Ganz besonders bedauere der Vorstand die Auswirkungen, die dieser Schritt auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter habe. „Sie alle haben als Team stets ihr Bestes gegeben, um einen zuverlässigen und stabilen Flugbetrieb zu gewährleisten – auch in den angespannten Wochen, die hinter uns liegen. Ihnen allen danke ich ganz persönlich und von Herzen.“ Fluggäste, die ihren Germania-Flug nun nicht wie geplant antreten können, bitte er um Entschuldigung, hieß es in der Mitteilung.

Jenen Fluggästen, die von der Einstellung des Flugbetriebs betroffen seien, gab das Unternehmen noch folgende Ratschläge auf den Weg: Wer den Germania-Flug im Rahmen einer Pauschalreise gebucht habe, könne sich zur Organisation einer Ersatzbeförderung direkt an den jeweiligen Reiseveranstalter wenden. Für Passagiere, die ihr Flugticket direkt bei Germania gekauft haben, „besteht aufgrund der gültigen Gesetzeslage bedauerlicherweise kein Anspruch auf Ersatzbeförderung“.

Wer in der Nacht auf die Germania-Seite klickte, um sich über den Status des gebuchten Fluges zu erkundigen, bekam stets nur zu lesen: „Zu Ihrer Auswahl konnte kein Ergebnis gefunden werden.“ Inzwischen gibt es keinen Status mehr zu sehen, sondern nur noch die Mitteilung über die Insolvenz.

Das Germania-Management begründete die Einstellung des Flugbetriebes damit, dass ein kurzzeitiger Liquiditätsbedarf entstanden war, da „insbesondere unvorhersehbare Ereignisse wie massive Kerosinpreissteigerungen über den Sommer des vergangenen Jahres bei gleichzeitiger Abwertung des Euros gegenüber dem US-Dollar, erhebliche Verzögerungen bei der Einflottung von Fluggerät sowie eine außergewöhnlich hohe Anzahl technischer Serviceleistungen an der Flotte das Unternehmen in großem Umfang belastet hatten.“

Keine Tarifverträge, keine Unterstützung von Verdi

„Wir bedauern außerordentlich, dass die Germania Insolvenz angemeldet und den Flugbetrieb eingestellt hat, insbesondere für die Beschäftigten und ihre Familien“, sagte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Christine Behle. Es sei tragisch, dass keine andere Lösung für die 1150 Mitarbeiter gefunden werden konnte.

Bei Germania gibt es keine Tarifverträge und keine Betriebsratsstrukturen, so dass die Gewerkschaft nicht in das Insolvenzverfahren involviert sei. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter auf keine Unterstützung wie im Fall von Air Berlin hoffen können. Gut ein Jahr nach der Pleite und der Gründung einer Transfergesellschaft für das Bodenpersonal hatten fast alle Mitarbeiter im vergangenen Dezember einen neuen Job. Die Bundesagentur für Arbeit hatte ein eigenes Büro in der Zentrale des Unternehmens eröffnet. All das geschah auch auf Druck von Verdi. Die Mitarbeiter von Germania müssen sich allein auf die Suche begeben. Ihre Probleme seien „riesig“, heißt es von Verdi. Im flugtechnischen Bereich sei der Berliner Arbeitsmarkt „schwierig“.

Generell kritisiert die Gewerkschaft: Auch billige Tickets und der ständige Unterbietungswettbewerb gingen eindeutig zulasten der Beschäftigten, die in vielen Fällen unter schwierigen Arbeitsbedingungen tätig sind und häufig nicht gerecht entlohnt werden. Wie Easyjet, Ryanair und Eurowings habe auch Germania versucht, von der Air Berlin Insolvenz zu profitieren. Aufgrund des schwachen Finanzpolsters habe sich Germania jedoch übernommen und sei mit dem veränderten Geschäftsmodell gescheitert.

Noch am Montag war Joachim Hunold als Retter im Gespräch

Anfang Januar waren die finanziellen Schwierigkeiten bei Germania bekannt geworden. Der Flugbetrieb ging jedoch zunächst planmäßig weiter. Zwischenzeitlich hatte das Unternehmen von erfolgreichen Finanzierungsverhandlungen gesprochen. Ende Januar wurde aber bekannt, dass es bei der Auszahlung der Januar-Gehälter an die Mitarbeiter Verzögerungen gibt.

Noch am Montag hatte es einen Bericht über eine Investorengruppe aus Nordrhein-Westfalen gegeben, der hoffen ließ. Die „Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung“ berichtete unter Verweis auf eigene Informationen, dass eine Gruppe unter der Koordination von ehemaligen Airline-Managern helfen wolle und kurzfristig einen zweistelligen Millionen-Betrag bereitgestellt werden solle. Zu der Gruppe solle auch der frühere Air-Berlin-Chef Joachim Hunold gehören. Germania wollte zu dem Bericht keine Stellung nehmen. In der Nacht folgte dann die Mitteilung über den Insolvenzantrag.

Konkurrenzkampf reduziert die Margen

Nach Meinung von Luftverkehrsexperten ist die Insolvenz der Germania nicht auf Managementfehler zurückzuführen. Auch der im Vergleich zu anderen Airlines kleine Maschinenpark von 33 Flugzeugen sei nicht ursächlich. In Europa würden die fünf größten Airlines 65 Prozent des Luftverkehrs abwickeln. Die restlichen 35 Prozent teilen sich kleine Gesellschaften wie die Germania, die entweder als Zubringer zu den großen Hubs oder mit einem Spezialangebot als Ferienflieger gutes Geld verdienen könnten. Allerdings reduziere der harte Konkurrenzkampf die Margen, obwohl der Luftverkehr seit fast 20 Jahren ununterbrochen wächst. Nur nach den Anschlägen von 9/11 und in der Weltwirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 habe es Rückschläge gegeben.

Ein Problem allgemein sei das Fehlen von Fluggerät. Der Nachschub an neuen Maschinen halte mit dem Wachsen des Luftverkehrs nicht Schritt. Die Übernahme und Indienststellung von entweder neuen oder gebrauchten Maschinen insolventer Airlines strapaziere die technische Infrastruktur der überlebenden Luftgesellschaften. Das sei bei der Germania-Insolvenz auch aus dem Satz der Management-Erklärung zu erkennen, „erhebliche Verzögerungen bei der Einflottung von Fluggerät sowie eine außergewöhnlich hohe Anzahl technischer Serviceleistungen (habe) das Unternehmen in großem Umfang belastet“. 

Deutsche Airlines hätten gegenüber denen anderer Länder außerdem spezielle Nachteile zu ertragen. Dazu gehörten sowohl die Luftverkehrssteuer wie auch die Betriebszeitbegrenzungen durch Start- und Landeverbote in den Nacht- und Tagesrandzeiten. In Deutschland würden zudem die Kosten der Flugsicherheitskontrollen auf die Airlines abgewälzt, während sie in anderen Ländern im  Zuge der Terrorbekämpfung vom Staat getragen würden. 

Mehr als 30-jährige Geschichte – seit 2009 in Berlin

Germania ist eine deutsche Fluggesellschaft mit einer mehr als 30-jährigen Geschichte. Sie wurde 1986 gegründet, seit 2009 ist Berlin der Firmensitz. Auf der Kurz- und Mittelstrecke beförderte die Airline mehr als vier Millionen Passagiere pro Jahr zu mehr als 60 Zielen innerhalb Europas, nach Nordafrika sowie in den Nahen und Mittleren Osten. Zusammen mit der Schweizer Germania Flugbetrieb AG und der Bulgarian Eagle betrieb Germania zuletzt 37 Flugzeuge.

Erst Ende Oktober 2017 hatte die damals zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft Air Berlin ihre Flugbetrieb eingestellt, rund 8000 Mitarbeiter waren betroffen. Im Herbst 2018 ging die Charterfluggesellschaft Small Planet Airlines mit Sitz in Berlin in die Insolvenz. (mit dpa)

Startbahn Ost: Die Flugpioniere aus Dessau – lesen Sie hier unsere Reportage zu 100 Jahren ziviler Luftfahrt.

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