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Wirtschaft - 10.01.2019

Mit dem Wurm für mehr Klimaschutz

Die Bauern wollen Teil der Lösung im Klimawandel sein. Eine informelle Arbeitsgruppe hat dazu Vorschläge gemacht, die Umweltministerin Schulze mit den Landwirten vorgestellt hat.

Knochentrocken: Beim Striegeln auf einem abgeernteten Getreidefeld zieht ein Traktor eine Staubwolke hinter sich her.

Die große Dürre dieses Jahres könnte eine Trendwende hin zu einer klimafreundlicheren Landwirtschaft bringen. So liest sich ein Arbeitspapier, das Bauern am Donnerstag nach einem Treffen mit Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) in Berlin veröffentlicht haben. Den „Praktikerdialog“ im Ministerium, ein informelles Gremium, hatte schon Schulzes Vorgängerin Barbara Hendricks (SPD) ins Leben gerufen. Nun kamen die Mitglieder angesichts der aktuellen Großwetterlage außer der Reihe zusammen.

Schulze lobte die „lösungsorientierten Gespräche“, die sie mit den Landwirten geführt habe. Sowohl ökologisch als auch konventionell wirtschaftende Bauern waren darunter. Sie hätten „viele kreative gute Ideen“ zusammengetragen.

Ein Beispiel nannte Jan Wittenberg, Ackerbauer aus Niedersachsen und im Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) aktiv: Wenn im Boden viele verschiedene Lebewesen leben – Würmer, Insekten oder Pilze – baut sich Humus schneller auf. „Der bindet sehr viel CO2“, sagte Wittenberg. Um das zu fördern, müsste es mehr konservierende Bodenbearbeitung geben, die den Aufbau in der Erde möglichst wenig stört. Und robuste Pflanzengemeinschaften statt empfindlicher Sorten, die dann wieder viel Pflanzenschutzmittel brauchen.  

Das hört sich schon sehr nach Ökolandbau an, aber Schuldzuweisungen gegen die konventionelle Landwirtschaft vermeidet das Arbeitspapier ausdrücklich. „Motivation, keine Kritik!“ sind die Empfehlungen für die landwirtschaftliche Praxis überschrieben.


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Bauern fordern faire Preise

Zu den langfristigen Maßnahmen gehören unter anderem „faire Preise“ für die landwirtschaftlichen Produkte. „Die Leistung der Kühe ist während der Dürre stark runtergegangen. Das findet im Preis keinen Niederschlag“, bedauerte Milchbauer Ottmar Ilchmann, ebenfalls von der AbL. „Statt hohe Kosten in hohe Preise umschlagen zu können, stehen wir als Bittsteller da“, sagte Ilchmann und appellierte: „Lasst uns nicht allein stehen, der Klimawandel wird von der ganzen Gesellschaft und Wirtschaft verursacht.“

Tatsächlich sind die Emissionen der Landwirtschaft im industrialisierten Deutschland relativ gering. Sie machen gut sieben Prozent aller Emissionen aus. Laut Klimaschutzplan der Bundesregierung sollen sie bis 2030 um 31 bis 34 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken.

Um kurzfristig zu helfen, dürfen die Bauern nun auch Pflanzen, die auf sogenannten ökologischen Vorrangflächen wachsen, an ihre Tiere verfüttern. Die Vorrangflächen sind Teil des Greening, einem von zwei Fördertöpfen der EU-Agrarpolitik. Über die Verteilung der Gelder wird im mehrjährigen Finanzrahmen der EU für die Zeit von 2021 bis 2027 gerade neu beraten. In diesem Zeitraum ist ein Drittel des EU-Budgets von insgesamt 1280 Milliarden Euro für die gemeinsame Agrarpolitik vorgesehen.

Till Backhaus (SPD), Minister für Landwirtschaft und Umwelt in Mecklenburg-Vorpommern, hält eine Pommerngans auf dem Arm.

Fördersystem der EU soll sich ändern

Svenja Schulze zeigte sich am Donnerstag zuversichtlich, dass es gelingen könnte, das Fördersystem der EU weg von den reinen Flächenprämien hin zu mehr Naturschutz zu drehen. In gleicher Mission traf sich dazu ebenfalls am Donnerstag ihr Staatssekretär Jochen Flasbarth mit dem Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus (SPD): „Die momentane Dürre in weiten Teilen Ostdeutschlands zeigt, dass es sich für die Landwirtschaft auszahlt, vermehrt in Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel zu investieren. Dafür brauchen die Landwirte finanzielle Mittel“, teilte Flasbarth mit.

Dazu müsse die EU-Agrarförderung aber entsprechend ausgerichtet werden. Da viele Umwelt- und Naturschutzleistungen der Landwirte auch der Klimaanpassung dienen, sollten die EU-Gelder für die Landwirtschaft endlich auch stärker an solche Leistungen geknüpft werden, so Flasbart. Dafür hat Mecklenburg-Vorpommern mit dem Papier „Veränderungen anschieben“ ein umfassendes Konzept entwickelt.

Es fordert unter anderem, die Prämien für Umwelt- und Klimaschutz um mindestens 15 bis zu 30 Prozent anzuheben.  Das sei ein notwendiger Leistungsanreiz, um die europäischen Umwelt- und Klimaschutzziele mit den Landwirten und durch ihre Arbeit schneller und wirksamer zu erreichen.

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