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Wirtschaft - 05.07.2019

Nach Ökostrom kommt Ökogas

Bisher ist auch Gasverbrauch eine Klimasünde. Doch Stadtwerke machen Druck und wollen viel grünes Gas ins Netz bringen. Bislang fehlen dafür die Anreize.

Bisher zu 100 Prozent fossil: Das Gas aus der Leitung.

Die Energiewende in Deutschland ruht bislang vor allem auf einem Pfeiler: dem Ökostrom. Zuletzt lag der Anteil am Verbrauch bei 44 Prozent. Verantwortlich dafür sind klare staatliche Vorschriften und die Subventionierung durch den Verbraucher, die im Erneuerbare-Energien-Gesetz festgeschrieben ist.

Nun wächst der Druck aus der Wirtschaft auf die Bundesregierung, endlich auch den Gasmarkt umweltfreundlicher zu machen. Gas steuert schließlich knapp ein Viertel des deutschen Energiebedarfs bei und ist klimaschädlich – wenn auch etwas weniger als Kohle und Ölprodukte. Bislang gibt es bis auf die Belieferung von freiwilligen Ökogas-Kunden keinen Anreiz, umweltfreundliche Alternativen beizumischen.

Die Stadtwerke drängen dabei nach vorne. 63 kommunale und regionale Versorger unter dem Dach des Verbundes Thüga-Gruppe verlangen nun den schnellen Einstieg in die Beimischung von grünem Erdgas zu normalem Erdgas im Netz. In einem Forderungspapier, das dem Tagesspiegel vorliegt, heißt es: „Mit Unterstützung der Politik ist ein Anteil erneuerbarer Gase von 25 Prozent bis zum Jahr 2030 realistisch.“

Kleine Einschränkung: Diese Quote soll für Gas gelten, das nicht an große Kraftwerke oder Industriekunden geht, die im europäischen Emissionshandel Geld für CO2-Erzeugung bezahlen.

Es geht laut der Thüga aber immerhin um 60 Prozent des Gasverbrauchs in Deutschland. Christian Friebe, Experte der Thüga, sagte, auch bei den erneuerbaren Energien im Stromsektor sei ein „Anfangsimpuls“ notwendig gewesen – nun soll der Gasmarkt folgen. Die Thüga-Unternehmen, darunter Schwergewichte wie das Nürnberger Stadtwerk N-Ergie, stehen keinesfalls allein da.

Auch der mächtige Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, Think-Tanks und Fachverbände hatten zuletzt gefordert: Ökogas muss ins Netz, und zwar schnell. Im Bundeswirtschaftsministerium ist in dieser Richtung bislang kaum etwas unternommen worden, aber zuletzt war Vertretern anzumerken, dass sie offen für Vorschläge sind.

Anfangs würde nur sehr wenig Biogas beigemischt

Bloß: Wo kommen derartige Mengen grünen Gases her? Zunächst werde vor allem Biogas eingesetzt, erwartet die Thüga. Strenge europäische Regeln würden verhindern, dass in der Landwirtschaft neue Monokulturen entstehen. Dann soll Wasserstoff eine wachsende Rolle spielen. Von null auf hundert muss es außerdem nicht gehen.

Konkret soll die Bio-Quote anfangs sehr klein ausfallen, genauer 0,01 Prozent Beimischung im Jahr 2021 und 0,1 Prozent 2022. Dann aber geht es schnell: „Ab 2023 steigt die Quote linear bis 2030 auf 25 Prozent erneuerbares Gas“, heißt es im Thüga-Papier, das den politischen Startschuss 2020 als Voraussetzung nennt.

Allein mit der Quote ist es aus Sicht der Stadtwerke aber nicht getan. Es müssen zum Beispiel auch Anlagen her, die überschüssigen Strom in Wasserstoff und Gas, alternativ aber auch Wärme, umwandeln können. „Power-to-X“ nennt sich die Technik – und die meisten Energieexperten halten sie für unabdingbar, wenn mit stark schwankenden Quellen wie Sonnen- und Windstrom die Energiewende gelingen soll.

Die Thüga fordert eine staatliche Anschubhilfe für Power-to-X. Gewaltige fünf Gigawatt Leistung, das entspricht etwa der Leistung von fünf Kernkraftwerken, sollen innerhalb von fünf Jahren staatlich ausgeschrieben und gebaut werden, 2030 sollen 15 Gigawatt am Netz sein.

Schließlich, um das Paket des Verbundes rund zu machen, soll CO2-Ausstoß einen einheitlichen, höheren Preis bekommen; es brauche Gasnetze, die fit für Wasserstoff sind und die Sanierung von Gebäuden. Eine lange Wunschliste – die an einigen Stellen richtig teuer aussieht. Zu den Kosten gibt es noch keine Abschätzungen. Aber klar scheint: Die Diskussion um den Gasmarkt, der bei der Energiewende meilenweit hinter dem Strom liegt, geht jetzt richtig los.

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