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Wissen - 05.02.2019

Älteste bekannte Steinzeit-Jagdwaffen waren hocheffektiv

Experimentelle Paläontologie: Auch heute lässt sich noch ganz ohne Genanalysen etwas über unsere Vorfahren und deren Verwandte in Erfahrung bringen

Stroh, Mann. Wer trifft, steigert das Ansehen seiner Ur-Ur-Ur-Ur-Ahnen, oder zumindest das von deren Verwandten.

Sie sind bekannt als die ältesten Jagdwaffen des Menschen: die in einem Kohletagebau bei Schöningen in Niedersachsen in den 1990er Jahren gefundenen Holzspeere. Etwa 300 000 Jahre lagen sie dort. Ihre Proportionen ähneln modernen Wettkampfspeeren. Aber ob Menschen – ob es der Neandertaler oder Homo heidelbergensis war, ist unbekannt – damals gute Speere-Werfer waren und auf Distanz Beute machen konnten, war bislang unklar. Doch die „Schöninger Speere“ scheinen sich zumindest dafür geeignet zu haben. Annemieke Milks vom University College London und ihre Kollegen fanden dies jetzt heraus – in Ermangelung an Neandertalern mit Speerwerfern der Art Homo sapiens. Die Ergebnisse haben sie in den „Scientific Reports“ vorgestellt.

Geschliffene Fichtenstämme

In Schöningen hatten die Steinzeitmenschen ihre Speere meist aus dem Stammholz von Fichten hergestellt, die im rauen Klima nur langsam gewachsen waren und nach einem halben Jahrhundert nur drei oder vier Zentimeter Durchmesser hatten. Milks und ihre Kollegen stellten aus ähnlichen Fichten Speere nach dem Vorbild der Originale her: mehr als zwei Meter lang und sich nach vorne und hinten verjüngend. Mit Steinwerkzeugen, wie sie vor 300 000 Jahren verwendet wurden, gaben sie ihren Speeren am Ende den letzten Schliff.

„Die Steinzeitmenschen übten diese für sie lebenswichtige Disziplin von Kindesbeinen an intensiv“, erklärt Jordi Serangeli von der Universität Tübingen, der seit 2008 die Ausgrabungen in Schöningen leitet. Deshalb ließ Milks sechs gut trainierte Speerwerfer für ihr Experiment an einem kühlen, englischen Januarmorgen zum Heuballen-Zielwurf antreten.

Erfahrung zählt und zahlt sich aus

Mit mehreren Hochgeschwindigkeitskameras filmte sie Abwerfen, Flugbahn und Auftreffen. Bei 102 Würfen auf Ziele, die zwischen fünf und 25 Metern entfernt standen, war im Durchschnitt jeder vierte Versuch ein Treffer. Bei der Höchstdistanz allerdings traf nicht einer. Die Quote eines Athleten, der bereits seit fünf Jahren Speerwurf trainiert hatte, war dreimal besser als bei einem Kollegen, der erst seit einem Jahr übte. Allerdings sind 25 Meter bereits eine Entfernung, die ein untrainierter Werfer kaum überhaupt je erreicht, und auch Athleten üben höchstens ausnahmsweise Zielwürfe. „Die Steinzeit-Speerwerfer könnten also durchaus noch besser getroffen haben“, vermutet Serangeli.

Bei den Versuchen in England trafen die Speere mit einem Tempo zwischen 45 und 78 Kilometern pro Stunde ins Ziel. Auch hier lieferten erfahrene Athleten die höheren Geschwindigkeitswerte. Trifft ein Speer mit einem Gewicht zwischen 760 und 800 Gramm mit diesem Tempo auf ein Pferd – und damit auf die mit Abstand häufigste Beute in Urzeit-Schöningen –, reicht das, um durch die Haut tief in das Gewebe einzudringen und schwere oder sogar tödliche Verletzungen zu verursachen.

Der Schlüsselbund der Steinzeit

„Mit ihren Experimenten beweisen Annemieke Milks und ihre Kollegen unsere Vermutung, dass die Steinzeitmenschen in Schöningen ihre Speere aus sicherer Entfernung auf ihre Beute werfen konnten“, sagt Serangeli. Die Waffe aber nutzten die Menschen dieser Zeit wohl kaum nur zur Jagd, sondern wohl auch, um sich Säbelzahnkatzen oder Wisente und Auerochsen vom Leib zu halten. „Sobald sie ihr Zuhause verließen, haben die Menschen damals sehr wahrscheinlich ihre Speere ähnlich selbstverständlich mitgenommen wie wir im 21. Jahrhundert unseren Hausschlüssel einstecken“, vermutet Jordi Serangeli. Schließlich waren die Steinzeitmenschen solchen Gegnern im Nahkampf hoffnungslos unterlegen und wehrten sich deshalb möglicherweise lieber aus sicherer Entfernung. Wenn es überhaupt so weit kam: Wahrscheinlich lernten Säbelzahnkatzen und andere Gegner rasch, dass mit so bewaffneten Zweibeinern tagsüber nicht zu spaßen ist und gingen ihnen daher so gut wie möglich aus dem Weg. Die Möglichkeit, Speere auf einige Entfernung gezielt zu werfen, machten die Welt der Menschen also vor 300.000 Jahren also auch sicherer.

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