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Wissen - 09.07.2019

Angst vor der akademischen Abbruchkante

Junge Forschende wehren sich gegen prekäre Arbeitsverhältnisse an der Universität. Welche Lösungen es gibt – und woran sie scheitern.

Dauernd engagiert. Initiativen wünschen sich deutlich mehr Stellen im Mittelbau der Universitäten.

Jule Specht steht auf dem Dach der Akademie der Wissenschaften am Berliner Gendarmenmarkt. Ihr Blick geht in Richtung Humboldt-Universität, wo sie Professorin für Psychologie ist. „Ja, da bin ich auch froh, dass das geklappt hat“, sagt Specht und hebt ihr Weinglas in den Abendhimmel. Die 33-Jährige wirkt so erleichtert, als hätte sie die Hürde zur unbefristeten Professur gerade erst mit Ach und Krach genommen. Dabei ist Specht eine überaus erfolgreiche Hürden-Überspringerin – bis 2010 noch studentische Hilfskraft in Münster, wird sie 2011 promoviert, 2012 Juniorprofessorin an der Freien Universität Berlin und vor drei Jahren auf eine unbefristete W3-Stelle an die HU berufen.

Unlängst wurde Specht aus der Jungen Akademie entlassen, in allen Ehren natürlich: Sie hat der vor fast 20 Jahren in Berlin gegründeten Nachwuchsschmiede fünf Jahre lang angehört, war deren Sprecherin. Jetzt gehört sie zu den zehn Alumni, die Platz für die Neuen machen. Auch sie stehen am Beginn einer hoffnungsvollen wissenschaftlichen Karriere – in Globalgeschichte, Mathematik oder Medizin. Können sie die nervenaufreibende Zeit der prekären Beschäftigungsverhältnisse also in absehbarer Zeit hinter sich lassen?

Ein schulterklopfendes „Ihr habt es doch jetzt geschafft“ würde eher nerven, sagt Marion Schulte zu Berge, die Geschäftsführerin der Jungen Akademie. Fast immer laute die Antwort: „Es gibt doch noch immer keine Garantie, auch wenn man noch so gut ist.“ So denkt selbst eine frisch aufgenommene Geisteswissenschaftlerin, die kurz zuvor auf eine Juniorprofessur an der TU Berlin errungen hat. „Schon schön, aber leider ohne Tenure Track“, kommentiert sie nüchtern am Stehtisch. Also ohne automatische Überleitung auf eine unbefristete Professur, wenn die Arbeit der Juniorin positiv begutachtet wird.

Es reiche mit den Bewährungsproben

Dieser Bewährungsaufstieg wird zwar im Bundesprogramm für 1000 Nachwuchsprofessuren versprochen, aber von den bestehenden 1700 herkömmlichen Juniorprofs haben nur die allerwenigsten einen Tenure Track. Und ob die Länderfinanzen dann wirklich die Überleitung bei den 1000 zusätzlichen Stellen hergeben werden, wird misstrauisch beobachtet.

Es reiche ihr langsam mit den Bewährungsproben, sagt die Berliner TU-Juniorprofessorin noch. Damit spricht sie aus, was die „Nachwuchs“-Kräfte zwischen Mitte 30 und Mitte 40 an Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen in Deutschland umtreibt. Was will die junge scientific community stattdessen – für bundesweit rund 145 000 wissenschaftliche Mitarbeitende? Darüber wird derzeit engagiert in den sozialen Medien diskutiert. „Die Politik muss ENDLICH dafür sorgen, dass für den wissenschaftlichen Mittelbau die Kette aus Zukunftsangst, ständiger Einwerbung von Drittmitteln und die daraus resultierende Kurzfristigkeit von Leben und Forschen aufhört!“, twittert eine Historikerin aus Heidelberg. Eine Hamburger Kollegin schreibt: Die „Schnappatmungslogik bei Verträgen“ widerspreche der wissenschaftlichen Logik – „denn Ideen brauchen Zeit (und hei: Was macht eine Wissenschaftlerin auf einem 2-Jahresvertrag? Sie schaut sich nach einer neuen Stelle um)“.

Unter den nichtprofessoralen wissenschaftlich Arbeitenden bis 45 Jahren sind 93 Prozent befristet angestellt. Davon hat die Hälfte Verträge für weniger als ein Jahr, wie der Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 ergab. Gleichzeitig hat sich die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter durch den Boom der Drittmittelprojekte seit der Jahrtausendwende mehr als verdoppelt.

Hochqualifizierte Leute müssen gehen

Die Angst der „Abbruchkante“ geht um, daran hat auch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz von 2016 kaum etwas geändert. Damit wird Unis und Außeruniversitären vorgeschrieben, die Vertragslaufzeit der angestrebten Qualifizierung – zu allererst Promotion oder Habilitation – oder, bei Beschäftigten in Drittmittelprojekten, der Projektlaufzeit anzupassen. Damit wäre Kurzeitverträgen ein Riegel vorgeschoben, weil ein Promotionsprogramm mindestens drei Jahre läuft. Ähnlich ist es bei Forschungsprojekten.

Zwar zeichne sich mittlerweile ab, dass „extrem kurze Kettenverträge seltener geworden sind“, sagt Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Aber den Übergang in die Dauerbeschäftigung scheuten die Unis weiterhin. Stattdessen würden sie auf das Teilzeit- und Befristungsgesetz ausweichen, nach dem man auch ohne einen Sachgrund wie die Qualifizierungsphase befristen darf – aber nur für zwei Jahre. Das führe dazu, dass „hochqualifizierte Leute mitten in der Familiengründungsphase gehen müssen“, kritisiert Keller. „Den Hochschulen ist das egal, sie wollen den Arbeitnehmern das Risiko einer wissenschaftlichen Karriere zu 100 Prozent aufbürden.“

Forschung und Lehre leiden unter Befristungen

Neue Dringlichkeit erhielt die Debatte, als die Basis-Kampagne „Frist ist Frust“ im Frühjahr nicht den erhofften Durchbruch brachte. Im neuen „Zukunftsvertrag“ von Bund und Ländern für zusätzliche Studienplätze und bessere Abschlussquoten ist zwar festgehalten, dass die Hochschulen mit den auf Dauer gestellten zusätzlichen vier Milliarden pro Jahr mehr unbefristete Beschäftigungsverhältnisse in der Lehre schaffen sollen. Aber die von den Gewerkschaften und dem Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft geforderte Koppelung der Gelder an Dauerstellen fand nicht statt. Ihren Umfang handelt jedes Land in einer Zielvereinbarung mit dem Bund aus. Und zwar passend für jede einzelne Hochschule, wie der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Peter-André Alt betonte. Die Festanstellungsquoten liegen zwischen 20 und 50 Prozent, wobei sich die HRK grundsätzlich dazu bekannt hat, gegen das Primat der Befristungen aktiv zu werden.

Das allerdings wird von vielen Hochschulchefs und anderen Wissenschaftsmanagern hochgehalten: Eine hohe Quote von Dauerstellen unterhalb der Professur führe zur Verknöcherung des Mittelbaus. Dieser müsse sich immer wieder erneuern, um wissenschaftlich kreativ und produktiv zu bleiben. Dem widerspricht Anne Krüger, Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung: „Es ist unverständlich, wie sich die Ideologie der befristeten Beschäftigung durchsetzen konnte.“ Forschung und Lehre würden darunter leiden, wenn sich Studierende auf immer neue Betreuende einstellen müssten. Und häufig werde eben nicht innovativ geforscht, sagte Krüger jetzt an der Freien Universität vor jungen Wissenschaftlerinnen aus dem Karriereprogramm „Profil“ der drei großen Berliner Unis. Es gehe nur noch darum, den nächsten Antrag zu stellen und dessen Vorgaben zu erfüllen.

Chancen von Promovierenden bei unter 30 Prozent

Dabei ist der Mittelbau in hohem Maße von den Professuren abhängig, denen er unterstellt ist. Denn die Stelleninhaber sind „Vorgesetzte, Projektleiter, Betreuer und Gutachterinnen in Personalunion“, wie Tilman Reitz, Wissenssoziologe an der Universität Jena, bei der Profil-Veranstaltung erklärte. Wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen stemmen auch zwei Drittel der Hochschullehre. Bei stark steigenden Studierendenzahlen, mit denen die staatlichen Ausgaben für die Hochschulen nicht Schritt halten, laute die Formel in Deutschland: „Erhöhte Belastung plus Prekarisierung akademischer Arbeit gleich Ausbeutung“, sagt Reitz. Und fordert, das „ungehemmte Anwerben und Entsorgen wissenschaftlicher Nachwuchskräfte“ müsse aufhören. Derzeit lägen die Chancen von Promovierten, dauerhaft in der Wissenschaft zu bleiben, „nicht akzeptabel“ unter 30 Prozent. Wo die ideale Quote liegt, bleibt wenig überraschend zwischen Betroffenen und Arbeitgebern umstritten. Die radikale Forderung, die nicht nur Tilman Reitz erhebt: „Nach der Promotion muss unbefristete Beschäftigung die Regel sein.“ Modellversuche, mit denen die Verhältnisse zugunsten der Planbarkeit von Wissenschaftskarrieren verbessert werden sollen, liegen zwischen 30 Prozent – so viele Dauerstellen soll es etwa nach einer Berliner Vereinbarung geben – und 50 Prozent.

Während es also ein Weg ist, deutlich mehr unbefristete Stellen für „Daueraufgaben“ in Lehre und Forschung unterhalb der Professur zu schaffen, greift die Junge Akademie weit höher: In einer Departmentstruktur, die das Lehrstuhlprinzip mit von der Professur abhängigen wissenschaftlichen Mitarbeitern ablösen müsse, sollen alle haushaltsfinanzierten Mittelbaustellen in Tenure-Track-Professuren umgewandelt werden. „Dann gibt es keine Statusfrage mehr und alle können gleichberechtigt forschen und lehren“, sagt Jule Specht, 2017 Mitautorin eines Papiers zur Departmentstruktur, auf dem Profil-Podium an der FU.

Was ist nun die Lösung?

Ist das der beste Weg, jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gleich nach der Promotion eine klare Perspektive zum Verbleib an der Uni zu geben? Wer es nicht auf eine solche Nachwuchsprofessur mit Bewährungsaufstieg schafft, kann mit Ende 20, Anfang 30 eine andere Karriere einschlagen. Bislang verschieben die aufeinanderfolgenden Befristungen im Rahmen der noch immer geltenden 12-Jahres-Regelung – sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion – diese Entscheidung so weit nach hinten, dass Mitte 40-Jährige nach einer anschließenden Projektphase ohne adäquate Alternative aus dem System fallen.

Was ist nun die Lösung? Zur Diskussion stehen letztlich drei Modelle. Ein Tenure Track für alle, der guten Leuten im Mittelbau die Weiterbeschäftigung garantiert, wie ihn die GEW fordert. Eine Stellenkategorie unterhalb der Professur wie den Lecturer, die sich viele Postdocs wünschen, aber die Gewerkschaften als Karrieresackgasse ablehnen. Und die Nachwuchsprofessur mit Bewährungsaufstieg für alle, die an der Uni bleiben können. „Kann es nicht einfach eine Professur geben, die bedeutet, dass man langfristig in der Wissenschaft bleibt, und nicht, dass alle Sonnenkönig werden“, fragt Specht. Mag sich die neue Generation solche Modelle auch wünschen: „Die Professoren sind ihre Gefolgschaft gewöhnt, konnten sie stark aufstocken und wollen sie nicht hergeben“, sagt Tilman Reitz.

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