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Wissen - 2 Wochen ago

„Die holen wir mal raus“

Im Einklang mit der Kriegsverbrecherlobby: In der Bundesrepublik setzten sich Politiker von Adenauer bis Brandt für NS-Täter ein.

Für Täter eingesetzt. Amnestieforderungen standen seit 1949 auf der Agenda der Regierung Adenauer.

Dass Konrad Adenauer Nazis um sich duldete, ist kein Geheimnis. Es verwundert daher nicht, dass der erste deutsche Bundeskanzler sich in seiner Regierungszeit stark dafür einsetzte, NS-Kriegsverbrecher aus den Gefängnissen herauszuholen, wobei Kriegsgefangene und verurteilte Kriegsverbrecher in einem Atemzug genannt wurden. Alte Seilschaften in Ministerien und Ämtern halfen ihren alten Kameraden ganz offiziell in rechtlicher und materieller Hinsicht. Verwunderlich ist jedoch, dass dies auch noch unter sozialdemokratischer Kanzlerschaft geschah und man dabei die rechtsrevisionistische Argumentation der „Kriegsverbrecherlobby“ einfach übernahm.

Warum das so war, versucht der Historiker und Journalist Felix Bohr in seinem Buch „Die Kriegsverbrecherlobby – Bundesdeutsche Hilfe für im Ausland inhaftierte NS-Täter“ herauszufinden. Ein kaum bekanntes Kapitel bundesdeutscher Vergangenheitspolitik.

Eher Verständnis für die Täter als für die Opfer

Amnestieforderungen standen ab 1949 auf der Agenda der Regierung Adenauers. „Sie waren von nationalem Interesse, auch weil sie dem Willen eines Großteils einer Gesellschaft entsprachen“, schreibt der Autor. Dass es in ganz Europa Hunderte verurteilter NS-Täter gab, hätten viele Bundesbürger nicht als eine Konsequenz der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gewertet, „sondern als ein Ergebnis der angeblichen Siegerjustiz ehemaliger Feindstaaten und der Alliierten“. Die deutsche Schuld wurde kollektiv verdrängt und das selbst erfahrene Leid überbetont. Die „Schlussstrichmentalität“ war schon damals vorherrschend. Da viele Bürger in NS-Verbrechen involviert waren, gab es Verständnis eher für die Täter als für die Opfer des „Dritten Reiches“.

Die von Bohr untersuchte Kriegsverbrecherlobby bestand meist aus alten Kameraden: dem „Verband der Heimkehrer“, der „Stillen Hilfe“, der „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS“, aber auch aus Kirchenvertretern, Bundestagsabgeordneten und Diplomaten. Während Opfer des NS-Regimes um gesellschaftliche Anerkennung und Entschädigung kämpfen mussten, gab es für die „Kriegsgefangenen“ umfassenden Beistand. Nach dem Eichmann-Prozess ging man vonseiten des Staates von offener zu verdeckter Hilfe über. Dabei wurden die in Haft befindlichen Kriegsverbrecher weiterhin über den sonst üblichen Rechtsschutz hinaus unterstützt.

Flucht mit Hilfe der Ehefrau

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg waren auch in zahlreichen westeuropäischen Ländern NS-Kriegsverbrecher inhaftiert, wurden aber meistens entlassen, als die Bundesrepublik sich den westlichen Bündnissen anschloss. Lediglich in Italien und den Niederlanden blieben fünf Deutsche im Gefängnis. In Italien saß Herbert Kappler, der für eines der größten Massaker in Italien verantwortlich war. Im März 1944 ließ er 335 willkürlich ausgewählte italienische Geiseln erschießen, darunter einen 15-Jährigen. Einige davon ermordete er eigenhändig durch Genickschuss. Zuvor ließ er schon mehr als tausend römische Juden nach Auschwitz deportieren, nachdem er zuvor 50 Kilogramm Gold von den Gemeindevorstehern der jüdischen Gemeinde erpresst hatte. Für seine Taten war er 1948 zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Verfahren gegen andere Beteiligte des Massakers wurden im nächsten Jahrzehnt von deutschen und italienischen Behörden marginalisiert. Kappler wurde damit zur Symbolfigur deutscher Kriegsverbrechen in Italien, aber auch zum „Märtyrer“ bei seinen Unterstützern. 1977 verlegte man ihn wegen einer Krebserkrankung in ein römisches Krankenhaus. Mit Hilfe einer Helferin, die er während der Haftzeit geheiratet hatte, gelang ihm die Flucht. In den Niederlanden saßen die nach dem Ort ihrer Inhaftierung bezeichneten „Vier von Breda“. Sie hatten die Deportation von mehr als 100 000 niederländischen Juden und deren Ermordung zu verantworten, teilweise auch eigenhändig gemordet. Als einer von ihnen 1966 schwer erkrankt aus humanitären Gründen aus der Haft entlassen wurde, hatte es große Unruhen in den Niederlanden gegeben. Die anderen blieben daraufhin in Haft. Einer starb 1979 im Gefängnis, die Übriggebliebenen wurden erst 1989 entlassen.

Willy Brandt, deutscher Bundeskanzler von 1969 bis 1974, hatte schon als Außenminister der Großen Koalition versucht, die Begnadigung von Kriegsverbrechern zu erreichen. Es war nicht zuletzt Brandts „Status als ehemaliger Exilant, der ihm einen hohen moralischen Anspruch und vergangenheitspolitisches Standing verlieh“, schreibt der Autor. Den führenden Akteuren der Sozialdemokraten seien dabei alle vergangenheitspolitischen Instrumente recht gewesen, um sich als staatstragende Partei zu etablieren. Es gab also durchaus innenpolitische Gründe für dieses Tun.

Willy Brandt: „Schweinehunde, aber die sitzen so lange“

Bei Brandt seien auch persönliche Motive ausschlaggebend gewesen, als er sich etwa für die Freilassung von Kappler einsetzte. Kappler hatte ihm zur Verleihung des Friedensnobelpreises 1971 einen netten Brief geschrieben, der Brandt wohl nachhaltig beeindruckte, außerdem wollte der als „Vaterlandsverräter“ verunglimpfte Kanzler wohl dieses Bild zurechtrücken. Möglicherweise sei sein Verhalten aber auch seinem Mitleid mit Kappler geschuldet gewesen. Bohr zitiert Brandt mit einer überlieferten Aussage: „Diese Kerle sind Schweinehunde, aber die sitzen so lange, die holen wir mal raus.“ Dazu sollte es aber nicht kommen.

Laut Schlusswort des Autors gilt es gerade jetzt, die Kriegsverbrecherlobby und deren Erbe kritisch zu reflektieren, da geschichtsrevisionistische Überzeugungen wieder unverhohlen geäußert werden und im Bundestag vertreten sind.
Felix Bohr: Die Kriegsverbrecherlobby – Bundesdeutsche Hilfe für im Ausland inhaftierte NS-Täter, Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, 558 Seiten, 28 €

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