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Wissen - 07.06.2019

Konsequenter Klimaschutz könnte Zahl der Hitzetoten begrenzen

Im heißen Sommer des letzten Jahres gab es allein in Berlin 450 hitzebedingte Todesfälle. Forscher haben analysiert, wie das künftig verhindert werden kann. 

Die Gefahr von Hitzewellen lässt sich durch eine kluge Klimapolitik begrenzen – Erstmaßnahmen fangen schon beim eigenen Verhalten…

Der Sommer 2018 war der zweitheißeste in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881. Allein in Berlin hatte das 450 hitzebedingte Todesfälle zur Folge, gab jetzt das Robert Koch-Institut bekannt. Konsequente Klimaschutzpolitik könnte also Menschenleben retten – wie viele, das haben Eunice Lo von der University of Bristol in England und ihre Kollegen nun für 15 ausgewählte US-Metropolen abgeschätzt.

Im Fachblatt „Science Advances“ schreiben sie, dass allein in der Stadt New York etwa 2700 solcher Hitzetoten pro Hitzewelle vermieden werden könnten, sollte der Anstieg der durchschnittlichen Temperaturen auf der Erde von drei auf 1,5 Grad Celsius begrenzt werden.


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Bei Hitze erhöht sich die Sterblichkeit, vor allem bei Menschen ab 65 Jahren, die ohnehin häufig unter Flüssigkeitsmangel oder an chronischen Erkrankungen leiden, die eine effektive Wärmeregulation behindern. Bei hoher Luftfeuchtigkeit sind schon tägliche Durchschnittstemperaturen von 20 Grad Celsius gefährlich, bei 20-prozentiger Luftfeuchtigkeit erhöht sich die statistische Sterberate schon ab 30 Grad Celsius Lufttemperatur.

Derzeit haben rund 30 Prozent der Weltbevölkerung an mindestens 20 Tagen im Jahr mit diesen Bedingungen zu kämpfen, zum Ende des Jahrhunderts werden es bei ungebremstem Klimawandel jedoch schon 74 Prozent sein. Mit drastischen Folgen.

Eine besonders drastische Hitzewelle gab es in der ersten Augusthälfte 2003. Damals verloren allein in Deutschland schätzungsweise 3500 Menschen das Leben, schätzt die Münchener Rückversicherungsgesellschaft. In Frankreich hatten die hohen Temperaturen an mehreren aufeinanderfolgen Tagen und Nächten sogar 14 800 Opfer gefordert. Glücklicherweise wiederholt sich eine derart extreme Hitzeperiode im Schnitt nur alle 500 Jahre.

Doch mit einem ungebremsten Klimawandel werden solche Ausnahmeereignisse häufiger, und mit ihnen die Hitzetoten. Wie viele Opfer lassen sich also verhindern, wenn die Empfehlungen des Pariser Klimaabkommens von der Politik umgesetzt würden und der Temperaturanstieg auf der Erde auf 1,5 Grad Celsius begrenzt werden könnte?

Gute Klimapolitik kann Leben retten

Das fragte sich das Forscherteam um Eunice Lo und ging bei der Modellrechnung von etwas milderen Hitzeperioden als der von 2003 aus: 1997 forderte solch ein Hitzeschub, der bislang nur alle 30 Jahre vorkommt, in Chicago 514 Menschenleben. Bei einer Erwärmung um drei Grad Celsius würden diese Wärmewellen aber den Prognosen zufolge statistisch alle 1,4 Jahre auftreten – und entsprechend häufiger Hitzetote verursachen. Konsequente, das 1,5-Grad-Ziel ernst nehmende Klimapolitik könnte die Häufigkeit der Hitzewellen reduzieren, in Chicago etwa auf alle 4,7 Jahre.

Das würde den Modellrechnungen zufolge zumindest einen Teil der Hitzeopfer verhindern: in New York etwa 2716 pro Hitzewelle, in Miami 1235, in Los Angeles 1085, in Chicago 875, in Philadelphia 684, in Detroit 640 und in Dallas 455. Deutlich weniger Menschenleben könnten hingegen gerettet werden, wenn die Politik nur das Minimalziel einer Begrenzung des Temperaturanstiegs auf zwei Grad erreichen sollte: etwa 1980 Opfer weniger in New York und 894 in Miami. Für europäische Städte gibt es diese Modellrechnungen noch nicht, der Trend dürfte aber vergleichbar sein.

Das bedeutet, nur ein ambitionierter Klimaschutz, der das 1,5-Grad-Ziel erreicht, kann noch substanziell viele Hitzetode verhindern. Allerdings ist dieses Szenario nur noch mit extrem hohen Anstrengungen erreichbar, weiß Andreas Matzarakis, der beim Deutschen Wetterdienst das Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung in Freiburg leitet. Schon heute sind Hitzewellen und deren Auswirkungen erheblich häufiger als früher. „Allerdings wurden nach dem Sommer 2003 auch einige Maßnahmen ergriffen, um die Auswirkungen von Hitze auf Menschen zu verringern“, erklärt der Medizin-Meteorologe. „Die Menschen müssen wissen, wie sie sich bei einer Hitzewelle verhalten sollen, um ihr Risiko zu reduzieren.“

Prävention fängt beim eigenen Verhalten an

Das sind oft ganz einfache Verhaltensmaßregeln wie nächtliches Lüften der Wohnung, während tagsüber geschlossene Fenster und Rollläden die Hitze aussperren. Sportliche Aktivitäten und andere Anstrengungen sollten in kühlere Tageszeiten wie den Morgen verlagert werden. Da der Körper bei hohen Temperaturen sich durch Schwitzen selbst kühlt, sollte man genug trinken, um den Flüssigkeits- und Salzverlust auszugleichen. Das gilt natürlich besonders für ältere und geschwächte Menschen, die besonders gefährdet sind, weil die Hitze ihren Organismus leichter überlastet. Krankenhäuser sollten daher Klimaanlagen einbauen, um die Patienten zu schützen. „Besonders wichtig aber sind Warnungen vor einer starken oder extremen Hitzebelastung, die möglichst alle Betroffenen und die Allgemeinheit erreichen“, sagt Matzarakis.

Besonders gefährlich wird Hitze, wenn sie mehrere Tage anhält. „Dabei spielen die Temperaturen in der Nacht eine wichtige Rolle, weil sich der Organismus beim Schlafen erholt“, sagt Matzarakis. Folgen mehrere hochtemperierte Nächte aufeinander, verschlechtert sich der Zustand zunehmend. „Ab dem dritten Tag und vor allem ab der dritten Nacht mit extremer Hitze steigt daher die Sterblichkeit deutlich an.“ Nach dem achten Tag sinke sie dagegen wieder, weil der Organismus sich an die Hitze gewöhnt habe. Daher sind Hitzewellen, die etwa im Frühjahr und Frühsommer auf noch nicht an die Wärme gewöhnte Menschen treffen, weit gefährlicher als im Frühherbst, wenn der Organismus bereits Hitzeerfahrungen gemacht hat.

Ob die Maßnahmen und Informationen zum Verhalten bei Hitze Wirkung zeigen, ist offen: Zwar gab es im heißen Sommer vergangenen Jahres erheblich weniger Hitzeopfer als 2003, sagt Matzarakis: „Eine wichtige Rolle hat dabei allerdings auch der frühe Beginn hoher Temperaturen und die meist niedrige Luftfeuchtigkeit gespielt.“

Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes finden Sie hier.

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