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Wissen - 14.03.2019

Lächelnd zurück in das Horror-Raumschiff

Kürzlich notgelandet, jetzt zweiter Versuch. Zwei Raumfahrer versuchen erneut, zur ISS zu kommen. Auch deutsche Astronauten waren schon in ähnlichen Situationen

Am 11.10.2018 Start in Baikonur. Zwei Minuten später musste der Flug abgebrochen werden. Die Besatzung überstand die Notlandung…

Alexej Owtschinin scheint ein ziemlich gelassener Mensch zu sein. Am 11. Oktober vergangenen Jahres saß er gemeinsam mit seinem amerikanischen Kollegen Nick Hague in einer Sojus-MS-10-Kapsel, die grade mit einer schweren russischen Trägerrakete gestartet worden war. Dann passierte es.

„Ein kurzer Flug“

Die beiden hatten bereits mehr als 50 Kilometer Höhe erreicht, als 119 Sekunden nach dem Abheben in der Kapsel das Notfall-Licht anging und das Raumschiff automatisch von der Rakete abgesprengt und durch Extraraketen von ihr weg beschleunigt wurde. Danach begann es, der Schwerkraft folgend, sich wieder in Richtung Erdboden zu bewegen. Owtschinin kommentierte, ohne genau zu wissen, was geschehen war, die Sache per Funk mit den Worten „O, das wird ein kurzer Flug“. Kurz darauf landeten die beiden mitsamt Kapsel per Fallschirm, blieben unverletzt, wurden per Hubschrauber abgeholt und wenig später sah man sie im russischen Fernsehen Nüsse essend auf einem Sofa.

Und heute Abend werden sie es erneut versuchen.

Fünf Monate nach jener, wenn man im in der Raumfahrtsprache gerne genutzten Technikjargon bleibt, „Fehlfunktion“, ist für Owtschinin und Hague am Donnerstag um 20.14 Uhr MEZ der Start zur Internationalen Raumstation ISS geplant. Mit an Bord der Sojus-Kapsel wird auch die US-Amerikanerin Christina Koch sein. Die Rakete soll vom russischen Startgelände Baikonur in der Steppe von Kasachstan abheben. Die drei Raumfahrer werden nach etwa sechs Stunden Flugzeit an der ISS erwartet. Alle drei gaben sich bei einer Pressekonferenz zuversichtlich und lächelten in die Kameras.

Rettungsmannschaften neben der im Oktober notgelandeten russischen Sojus-Kapsel in der Steppe von Kasachstan.

Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte der Raumfahrt, dass Kosmo- oder Astronauten, die bereits gestartet waren und auf diese Weise zur Erde zurückkehren mussten, einen weiteren Start wagen.

Fehlfunktion in 200 Kilometer Höhe

Was beim ersten Mal – am 5. April 1975 – genau passierte, ist nicht sicher öffentlich dokumentiert. Etwa, wo die Kapsel niederging. Die Nachrichtenagentur Tass meldete damals, es sei im russischen Altai-Gebirge geschehen. Wahrscheinlich ging sie aber in einer chinesischen Gebirgsregion nahe der mongolischen Grenze nieder und die Mannschaft wurde ohne das Wissen der chinesischen Behörden schnell und wahrhaft unbürokratisch per Hubschrauber gerettet. Dass der Landeort derart weit vom kasachischen Baikonur entfernt war, lag daran, dass Wassili Nasarew und Oleg Makarow bereits mehr als vier Minuten unterwegs und in fast 200 Kilometern Höhe angekommen waren. Das Rettungssystem wurde ihnen zudem fast zum Verhängnis, denn die Raketen, die die Kapsel von der dritten Raketenstufe wegschossen, beschleunigten sie massiv in Richtung Erdboden, so dass die Kosmonauten und ihre Kapsel extrem schnell fielen. Trotzdem öffneten sich die Fallschirme. Für Nasarew war es der zweite und letzte Flug. Makarow flog danach noch zwei weitere Male und starb 2003 80-jährig in Moskau.

Christina Koch, Astronautin aus den USA, Alexej Owtschinin, Kosmonaut aus Russland, und Nick Hague, Astronaut aus den USA (v.li.)…

Am 26.September 1983 musste das Rettungssystem erneut Mal aktiviert werden. Allerdings noch auf der Startrampe. Doch die Situation war noch dramatischer. Die Rakete hatte Feuer gefangen, aber das Rettungssystem konnte zunächst nicht aktiviert werden. Erst nach 20 Sekunden gelang es der Bodenmannschaft über Funk. Zwei Sekunden später explodierte die Booster-Rakete und zerstörte damit jene Startrampe, von der einst der erste Sputnik und auch Juri Gagarin gestartet waren. Die Kapsel wurde nur in sehr geringe Höhe befördert, aber Fallschirm und Bremsraketen funktionierten. Beide Kosmonauten, Wladimir Titow und Gennadi Strekalow, flogen danach erneut ins Weltall.

Die Beinahe-Kataststrophe der deutschen Mission

In einer ähnlichen Situation – nur an Bord eines Space Shuttle und deshalb ohne entsprechendes Rettungssystem – waren auch einmal zwei deutsche Astronauten: Hans Schlegel und Ulrich Walter. Am 22. März 1993 sollte die sogenannten D2-Mission zum Weltraumlabor Spacelab starten. Das Flüssigstofftriebwerk war bereits gezündet. „Es begann schon zu ruckeln“ erinnert sich Walter im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Sekunden bis zum Abheben, wenige Augenblicke, bis die Schubkraft die Crew gewaltvoll in die Sitze drückt. Doch nichts davon.

„Dann hörte es einfach auf. Kurz darauf hörte man eine Frauenstimme – und das Wort ‚Startabbruch'“, sagt Walter. Was konkret passiert war, habe die Crew erst etwa eine Viertelstunde später erfahren. „Da wussten wir, dass wir in Lebensgefahr gewesen waren“. Ein Triebwerk hatte nicht richtig gezündet, der Computer hatte den Start abgebrochen. Unmengen unter hohem Druck bereits ausgetretenen flüssigen Wasserstoffs bedeuteten jene Lebensgefahr genauso wie die Feststoff-Booster-Raketen, die drei Sekunden später gezündet worden und nicht mehr abschaltbar gewesen wären. „Man denkt dann, oh, das war knapp“, sagt Walter, der heute Professor für Raumfahrttechnik and der TU München ist.

Zwei Monate später saß er an Bord desselben Shuttles. Rational habe er sich sicherer als beim ersten Mal gewähnt, „weil das Problem – ein Ventil, das nicht sauber geschlossen hatte – erkannt war und dasselbe diesmal sicher nicht passieren würde“, sagt Walter. Gedanken, sich nicht ein zweites Mal in die Fähre zu setzen, habe er nicht gehabt. Aber eine Rest-Unsicherheit habe er in den Sekunden vor dem Start doch verspürt. Sie hing auch damit zusammen, dass die Space Shuttles ohne Rettungssystem designt waren – eine Tatsache, die 1986 der Besatzung der Challenger bereits zum Verhängnis geworden war. Es sei ein „grundsätzliches Problem in der Architektur der Shuttles“ gewesen, dass ein Rettungssystem bei diesem Design gar nicht möglich war und dass die Astronauten nicht an der Spitze der Rakete, sondern seitlich daneben und damit einer etwaigen Explosion voll ausgesetzt waren.

Die Hoffnung fliegt mit

Dafür, dass nach solchen Missgeschicken immer wieder jene, die gerade knapp dem Tode entronnen sind, erneut in dieselben Raumschiffe steigen und sich von 100ten Tonnen hochexplosiven Materials in die Umlaufbahn befördern lassen, gibt es aber auch ganz prosaische Gründe. Walters Kollege, Esa-Astronaut Reinhold Ewald, sagt, die schlichte Tatsache, dass die Kosmo- und Astronauten gerade das langwierige Raumfahrertraining absolviert und auf eine bestimmte Mission speziell vorbereitet worden seien, mache es auch schwer, schnell Ersatz zu finden. Ewald, heute Astronautik-Professor an der Uni Stuttgart, sagt mit Blick auf die beiden, die heute starten, dass diese ja auch besser als alle anderen sehr konkret wüssten, dass sie sich auf das Rettungssystem verlassen könnten. Er findet in diesem Zusammenhang auch Lob für die russische Raumfahrtagentur Roskosmos: „Die haben diese Zusatzmasse des Rettungssystems – sicher ein paar 100 Kilo – immer mitgeschleppt, obwohl sie über 30 Jahre nicht gebraucht wurde, sowas müsste man mal von einem Autohersteller verlangen.“ Auch die neuen amerikanischen Kapseln, von denen die erste kürzlich ihren unbemannten Jungfernflug absolvierte, sind nun wieder mit Rettungssystem ausgestattet.

Beim Start am heutigen Abend ist wieder das bewährte, etwa ein halbes Jahrhundert alte, dabei. Die Hoffnung, dass es nicht gebraucht wird, sagt Ulrich Walter, fliegt bei Owtschinin und Hague aber sicher ganz besonders mit.

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