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Wissen - 10.06.2019

Publiziert endlich weniger!

Was tun gegen die Publikationsflut in der Wissenschaft? In den einzelnen Disziplinen sollte mehr Selbstbeschränkung geübt werden, meint unser Kolumnist.

Unser Kolumnist George Turner, Berliner Wissenschaftssenator a.D..

Niemand hat noch einen Überblick, was, wo und wie viel an wissenschaftlichen Erzeugnissen in gedruckter oder elektronischer Form erscheint. Kein Wunder, ist doch die Zahl derer, die unter Publikationszwang stehen, ständig gewachsen. Betrachtet man nur die Universitäten, so ist der Anstieg der Hochschullehrer und derjenigen, die es werden wollen, ständig gestiegen. Bei Berufungen spielt eine entscheidende Rolle, wie viele Veröffentlichungen vorgelegt werden können. Zwar soll die Quantität nicht den Ausschlag geben; zu vernachlässigen ist die Zahl der Publikationen aber auch nicht.

Das bedeutet für Nachwuchswissenschaftler die Notwendigkeit, nicht nur Neues auf den Markt der Wissenschaft zu werfen, sondern auch darauf zu achten, dass die Anzahl der Titel sich sehen lassen kann. Dies scheint als „systemimmanent“ unvermeidlich und wird so hingenommen. Dabei hätten diejenigen, die das System bestimmen, die Möglichkeit der Korrektur. Wenn bei Berufungen, wo Veröffentlichungen wichtig sind, deutlich gemacht würde, dass allein Originalität als Kriterium gilt, könnte davon eine heilsame Wirkung ausgehen. Veröffentlichungsplattformen dubioser Betreiber würden ihren Markt verlieren, Autoren wären nicht versucht, aus zwei Aufsätzen einen dritten zu produzieren, Leser könnten eher den Überblick behalten.

Weil Masse eher schädlich ist

Ein genereller Appell, selbst wenn er von der Deutschen Forschungsgemeinschaft käme, würde ergebnislos verhallen. Eher könnte helfen, wenn in den einzelnen Fächern und Disziplinen mehr Selbstbeschränkung geübt würde. Es müsste sich herumsprechen, dass Masse eher schädlich ist. Das Ziel ist nicht schnell erreichbar, wenn man bedenkt, wer alles auf den Publikationsmarkt drängt: etablierte Wissenschaftler, die sich nicht nachsagen lassen wollen, nach der Berufung nichts mehr publiziert zu haben, Nachwuchskräfte, die sich qualifizieren müssen; beide Gruppen von Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen. Ferner werden zunehmend Dozenten von Fachhochschulen beweisen wollen, dass sie publikationswürdige Ergebnisse zu präsentieren haben.

Verlage und sie beratende Herausgebergremien täten gut daran, noch mehr darauf zu achten, Spreu vom Weizen zu trennen.
Die kaum oder gar nicht mehr zu bewältigende Informationsflut ist zum Teil „selbst gemacht“. Dann muss sie auch aus eigener Kraft beherrscht und eingegrenzt werden. Es liegt an der Wissenschaft und ihren Trägern, dies zu tun.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail senden: george.turner@t-online.de.

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