Home Sport Nach 45 Jahren ist im „Fußballtreff“ Schluss
Sport - 15.03.2019

Nach 45 Jahren ist im „Fußballtreff“ Schluss

Die Gaststätte in der Levetzowstraße steht auch für gute Küche. Bald wird die 86 Jahre alte Margot Thiele das Vereinslokal von Minerva 93 letztmalig öffnen.

Der „Fußballtreff“ ist über die Jahrzehnte für viele Gäste zu einer Art Wohnzimmer geworden. Nun naht der Abschied. Inhaberin…

Das Programm für die letzten Tage im März steht schon. Am 29. März, einem Freitag, kommen die Bingo-Freunde in den „Fußballtreff“. Einen Tag später absolviert das Skat-Team Berlin den ersten Regionalliga-Spieltag. „Die möchten alle noch einmal bei uns essen“, sagt Inhaberin Margot Thiele. Abends sei dann die große Abschiedsfeier. Und am Sonntag lädt sie die 35 engsten Stammgäste zu einem Frühstück ein. Mit Lachs, Matjes-Häckerle und verschiedenen Salaten. Dann ist Schluss. Für den März und die Gaststätte „Fußballtreff“ in Moabit. Nach 45 Jahren. „Daran denke ich noch nicht“, sagt Margot Thiele.

Es gibt ja noch genug anderes zu tun. „Hier kocht Margot“ ist am Eingang zu lesen. Fast jeden Tag rufen Gäste an und wünschen sich ein bestimmtes Gericht. Schmorbraten, Lungenhaschee, Nierchen, jeder Wunsch wird erfüllt. Eine Speisekarte existiert nur zur groben Orientierung. Da die Zutaten frisch besorgt werden, gibt es drei bis vier Gerichte. Sonderwünsche nicht eingerechnet. Letztens hatte Margot Thiele 20 Pferderouladen zubereitet, „leider hat nicht jeder eine abbekommen“. Also macht sie noch einmal zehn. Gelernt hat sie alles rund ums Kochen von ihrer Mutter.

Für die 86-Jährige ist es „angenehmer Stress“. Einen Gesprächstermin zu finden, war nicht einfach. Schließlich stand beispielsweise auch das traditionelle Eisbeinessen an. Und zum Frühstück kamen unlängst 70 Personen, das ist quasi ausverkauft. Doch am Montag dieser Woche ist etwas Zeit. Eigentlich ist Ruhetag. Aber die Ruhe kann warten, im März wird an allen Tagen geöffnet. Margot Thiele, geboren in Schöneberg, nutzt einen Gehstock. Das Laufen bereitet ihr Schwierigkeiten. Sie hätte ungeachtet dessen durchaus weitergemacht, aber ihre Tochter Angelika, mit der sie den Laden führt, wollte nicht mehr. Möchte stattdessen endlich mehr Zeit haben, für ihren Mann, für den Garten. Dann soll es so sein, fand Margot Thiele und kündigte im vergangenen Oktober den Mietvertrag. Sie sagt: „Mit 86 kann man ja durchaus aufhören.“

Reichlich alt, ein bisschen neu, viel Gemütlichkeit

Die meisten Einrichtungsgegenstände sind aus den Siebzigern, braun dominiert in verschiedensten Ausführungen. Reichlich alt plus ein bisschen neu ergibt viel Gemütlichkeit. Um 15 Uhr ist es leer, aber das wird sich ändern. „Die, die sonst einmal die Woche da sind, kommen derzeit täglich“, sagt Margot Thiele. Mitunter sind sogar noch neue Gäste dabei. Unlängst zwei Herren aus der Nachbarschaft, denen in Wien von einem Antiquitätenhändler mit „Fußballtreff“-Erfahrung die Rouladen empfohlen worden sind.

Sprung zurück zu den Anfängen. Margot Thieles Ehemann Helmut hatte zuvor bereits zwei Kneipen geführt, hatte genug davon. Nach einem Jahr reizt es ihn doch wieder. Er sucht ein kleines Lokal. „Ich habe etwas gefunden, das Dir gefallen wird“, sagt er irgendwann. Die Reaktion seiner Frau: „Na, das ist ja richtig klein.“ Drei Gasträume, satte 228 Quadratmeter. Weil auch wieder Speisen angeboten werden sollen, wird Margot Thiele, die als Sekretärin an einer Schöneberger Schule arbeitet, ab mittags in der Küche tätig sein.

15. Mai 1974, Willy Brandt ist nicht mehr Bundeskanzler, Helmut Schmidt noch nicht, Walter Scheel führt kommissarisch die Geschäfte und wird an diesem Tag zum Bundespräsidenten gewählt. Im Finale des Europapokals der Landesmeister zwischen dem FC Bayern und Atletico Madrid findet sich in Brüssel nach 120 Minuten kein Sieger – 1:1. Und Helmut Thiele eröffnet die Kneipe „Helmuts Klause Nr. 3“. Das Datum hat Margot Thiele abrufbereit. Genau wie andere Zahlen. 0,2 Liter Bier kosten damals schmale 35 Pfennig, das Gedeck mit einem Klaren 50 Pfennig. Die Zeiten haben sich geändert, die Preise sind bis heute niedrig geblieben: 0,4 Liter Bier werden für 2,50 Euro ausgeschenkt.

Margot Thiele in ihrer Gaststätte.

Bald nach der Eröffnung 1974 schauen die Fußballer einer Freizeitmannschaft vorbei, die dann beim SC Minerva 93 landen. Ihnen gefällt es bei den Thieles so gut, dass sie regelmäßig kommen und sich in den Räumlichkeiten ihr Vereinslokal einrichten. Die Klause wird der „Fußballtreff“. Ein Name, der gelegentlich für Verwirrung sorgt: Potenzielle Gäste wollen sich Spiele im Bezahlfernsehen ansehen, doch das hat es bei Margot Thiele aus Kostengründen nie gegeben. Ihr Fußballinteresse hat jedoch mit der Zeit zugenommen.

Ende der Achtziger Jahre erkrankt der 2006 verstorbene Helmut Thiele schwer, seine Frau lässt sich an der Schule beurlauben und widmet sich ganz der Gaststätte. „Früher sind die Spieler aus Minervas erster Mannschaft und die Zuschauer nach Abpfiff gekommen. Da war was los“, erinnert sich Margot Thiele.

Ein Euro pro CD

Mittlerweile kommt nur noch die Ü 50. Einer von ihnen ist Dietmar Gottemeier. Seit 1968 Mitglied, seit 1991 Präsident des Traditionsklubs von 1893, der in der Kreisliga A spielt. „Für mich ist das wie ein Wohnzimmer“, sagt der 68-Jährige. Minerva ist auf gerahmten Trikots, Mannschaftsfotos und Pokalen präsent. Die Trophäen von Beginn des 20. Jahrhunderts hat Gottemeier bereits abgeholt. Den Rest erst im April, damit es nicht zu kahl aussieht. Bislang deutet lediglich der Zettel „zu verkaufen, jede CD 1 Euro“ in einer Vitrine auf das nahende Ende hin. „Willkommen bei Carmen Nebel“ ist ebenso im Angebot wie Howard Carpendale.

15.30 Uhr, die ersten Gäste sind da. Margot Thieles Tochter Angelika zapft Pils aus der Anlage mit den Einschusslöchern aus dem Zweiten Weltkrieg, unterhält sich mit dem Paar am Tisch gegenüber. Einige treue Kunden wollen die Gegend zukünftig meiden, weil die Wehmut zu groß wäre. „Die Schließung ist sehr traurig“, sagt Minervas Gottemeier. Früher gab es nah der Gotzkowskybrücke eine hohe Kneipendichte, Margot Thiele fallen auf Anhieb sechs ein. „Inzwischen sind wir mit dem Wikinger Eck allein.“

Berlin und seine Kneipen, eine lange Geschichte. Nach Angaben von Clemens Füsers, Autor des Buches „Letzte Runde?“, kam um das Jahr 1900 auf 150 Einwohner eine Wirtschaft. Einwohnerzahl damals: knapp zwei Millionen. Aktuell gibt es um die 500 Eckkneipen, sagt Thomas Lengfelder, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Berlin. Die Zahl sinkt seit Jahren. „Ganz aussterben wird die Eckkneipe nicht“, ist sich Lengfelder jedoch sicher, „sie gehört dazu.“ Allerdings reiche es nicht mehr, „einfach Bier auszuschenken. Die Kneipen müssen sich Gedanken über Konzepte machen.“ Das Konzept von Margot Thiele, die sich mit ihrem Angebot zwischen Eckkneipe und Restaurant sieht, trägt über Jahrzehnte: „Alles steht und fällt mit dem Essen. Wenn wir das nicht hätten, hätten wir längst zumachen müssen.“ Finanzielle Reichtümer hat ihr der „Fußballtreff“ nicht gebracht, aber dafür immaterielle Freude: immer wieder Lob für das Essen, freundliche Plaudereien.

Am Leben gehalten haben den Laden regelmäßig einkehrende Vereine und Gruppen: Minerva, die Bingo- und Skatspieler, Kegler, ein Blindenverein, der CDU-Ortsverband Moabit und andere. Lengfelder berichtet zudem von einer „gewissen Renaissance der Eckkneipe“. Ein Trend, den Margot Thiele bestätigt. Seit zwei Jahren kommen jüngere Gäste. Von denen, die 1974 bei der Eröffnung dabei waren, sind nur wenige übrig. „Wenn alle, die nicht mehr unter uns sind, noch einmal kommen könnten, wäre es sehr voll“, sagt sie.

Das vierstöckige Haus, in dessen Erdgeschoss sich der „Fußballtreff“ befindet, gehört der Evangelischen Kirchengemeinde Tiergarten. Sascha Gebauer ist einer von zwei Pfarrern. „Wir haben eine sehr gute Verbindung zu Margot. Sie ist eine Institution im Kiez, jeder kennt sie“, sagt Gebauer. Über die weitere Nutzung der Räumlichkeiten soll Mitte April entschieden werden. Einer der Interessenten möchte eine neue Kneipe eröffnen.

Die Chefin wohnt in der Gaststätte

Margot Thiele wird bis Ende März in der der Gaststätte angeschlossenen Zweizimmerwohnung wohnen. Zum Abschied vom „Fußballtreff“ erwartet sie Tränen. Bei sich. Bei den Gästen. Dann zieht sie in ein Seniorenwohnhaus in Siemensstadt. Alle zwei Wochen will sie freitags in eine Lokalität in der Nähe gehen. Die jetzigen Stammgäste sind herzlich eingeladen, sie dort zu treffen.

Ein bisschen denkt Margot Thiele also doch schon über den März hinaus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Check Also

Tiger Woods gewinnt mit Willen und Talent

Viele hatten Tiger Woods längst abgeschrieben. Beim bedeutendsten Golf-Turnier hat er sich…