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Wirtschaft - 12.07.2019

Berlins Start-ups hängen die Republik ab

In diesem Jahr zahlten Investoren bereits 2,8 Milliarden Euro an deutsche Start-ups. 2,1 Milliarden Euro davon gingen allein an Berliner Unternehmen.

Bühnenreif: Deutsche Start-ups werden immer beliebter bei Investoren.

Deutsche Start-ups bleiben bei Anlegern und Investoren weiter beliebt. Während die Konjunktur in Deutschland zu erlahmen droht, haben die deutschen Start-ups im ersten Halbjahr mit 2,8 Milliarden Euro so hohe Investitionen erhalten, wie nie zuvor. Das geht aus dem aktuellen Start-up-Barometer hervor, das halbjährlich von der Prüfungs- und Beratungsorganisation Ernst & Young veröffentlicht wird und am heutigen Freitag vorgestellt werden soll.

Demnach sank die Zahl der Deals im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2018 zwar leicht, doch der Wert der Investitionen stieg um 13 Prozent. Besonders Berliner Jungunternehmen können über frisches Kapital freuen. Sie sammelten 2,1 Milliarden Euro an – ein Anstieg von 28 Prozent.

Sparte Mobilität verfünffacht Kapital

Dabei profitieren nicht alle Bereiche in der Branche gleichermaßen von dem Boom. In der E-Commerce-Sparte, die im ersten Halbjahr 2018 allein über eine Milliarde Euro einsammelte, gingen die Investitionen zuletzt auf rund 200 Millionen Euro zurück. Gewinner sind dagegen die Bereiche Finanz- und Versicherungstechnologie mit einem Volumen von 704 Millionen Euro, sowie Mobilität, wo Start-ups mit 659 Millionen Euro fünfmal so viel Kapital wie im Vorjahreszeitraum erhielten.

Kurosch Habibi, Sprecher des Bundesverbands Deutsche Start-ups für den Bereich Finanztechnologie (FinTech), reagierte zufrieden auf die neuen Zahlen. „Man sieht, dass das Ökosystem der FinTech-Start-ups inzwischen einen gewissen Reifegrad erreicht hat“, sagte er Tagesspiegel Background. Habibi, der das Start-up „Carl Finance“ gegründet hat und für seine mittelständischen Kunden Unternehmensnachfolger vermittelt, spürt von Investoren ein zunehmendes Interesse auch an seiner Firma.  „Wir erleben gerade die erste Welle“, sagte er. Habibi erwartet, dass die Fintech-Unternehmen im B2B-Segment in Zukunft noch stärker wachsen werden und damit noch mehr Geld in den Markt fließt. „Die ganz großen Geldströme sind in diesem Bereich noch nicht geflossen.“ 

Den besten Deal machten zwei Berliner – mit 428 Millionen Euro

Peter Lennartz, Partner bei Ernst & Young beobachtet ebenfalls eine Verschiebung der Investitionen. „Der Fokus der Investoren hat sich verändert.“ Davon profitieren auch ganz neue Geschäftsmodelle, zum Beispiel im wachsenden Gesundheitsbereich, wo im Unter-Sektor Cannabis bereits fünf Deals in einem Umfang von 18 Millionen Euro verzeichnet wurden.

Ein besonderes Lob sprach Lennartz angesichts der Zahlen Berlin aus. „Hier stimmen die Rahmenbedingungen auch im internationalen Vergleich, hier werden Trends besonders schnell aufgegriffen und umgesetzt, und längst haben ausländische Investoren Berlin auf dem Schirm.“ Tatsächlich erhielten Start-ups in Berlin nicht nur die meisten Finanzierungen – 130 von bundesweit 332 – sondern verzeichnet auch die fünf größten Deals. Allein das Unternehmen „GetYourGuide“, das mit 100 Mitarbeitern in Berlin sitzt und Aktivitäten für Touristen vermittelt, erhielt im Mai neues Kapital in Höhe von 428 Millionen Euro.

„Erfolg trotz der Politik“

Abschlüsse in dieser Größenordnung seien auch ein „Qualitätsmerkmal“, sagte der Vorsitzende des Bundesverbands deutsche Start-ups, Florian Nöll. Er bezeichnete die Zahlen des Barometers als „absolut erfreulich“ und sprach von einem „Erfolg für Gründer und Investoren am Standort Berlin“. Das sei ein „Erfolg trotz der Politik“. So erneuerte er seine Kritik an den Rahmenbedingungen in der Hauptstadt. „Politisch erleben wir Stillstand“, sagte Nöll und verwies auf Fachkräfte- und Büroraummangel. Der 36-Jährige hält das Potenzial der Start-up-Branche für noch höher. „Ein Indiz dafür sind Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, wo sich die Zahlen mit einer aktiven Start-up-Politik deutlich verbessert haben.“

[Dieser Artikel stammt vom Tagesspiegel Background. Das Team veröffentlicht täglich Newsletter mit höchster Relevanz für Top-Entscheider, Kommunikationsprofis und Fachexperten. Hier können Sie die Newsletter vom Tagesspiegel Background abonnieren.]

Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) bewertete die Zahlen dagegen als Erfolg ihrer Politik: „Berlin ist und bleibt die Startup-Metropole Deutschlands. Startups brauchen Freiheit, Vielfalt und Talente, all das finden sie in Berlin.“ Man wolle weiter Wissenschaft und Wirtschaft zusammenbringen und somit Impulse für Innovation setzen.

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