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Wirtschaft - 05.11.2018

„Deutsche Unternehmer lassen sich in den USA zu wenig blicken“

Frank Sportolari, Präsident der deutsch-amerikanischen Handelskammer, im Tagesspiegel-Interview über Geschäfte in den USA, Trump, Iran-Sanktionen, China und Steuern für Apple.

Trump-Erklärer. UPS-Manager und AmCham-Präsident Frank Sportolari beim Interview.

Wer Frank Sportolari begegnet, schaut zwangsläufig zu ihm auf: Der Präsident der amerikanischen Handelskammer AmCham Germany ist gefühlt zwei Meter groß, kräftig gebaut. Der 61-Jährige arbeitet zeitlebens in Welten, in der Außenstehende glauben, dass da vor allem Strenge und Tempo gelten: Bis Mitte der 80er-Jahre war Sportolari für das US-Verteidigungsministerium tätig, seit mehr als 30 Jahren arbeitet er beim weltweit aufgestellten Logistikkonzern United Parcel Service (UPS) in Europa. Seit 2011 führt er für UPS die Geschäfte in Deutschland und ist stolz darauf, viel Kontakt zu den Mitarbeitern an der Front, also hinterm Steuer der Lieferwagen und in den Logistikzentren zu haben.

 Als Sportolari dieser Tage das Redaktionshaus des Tagesspiegels besuchte, waren die Redakteure fast überrascht, einen tiefenentspannten Mann kennenzulernen, der sich mit fast kindlicher Neugier über diese Premiere freute: Noch nie hatte er eine Zeitungsredaktion besucht! Er diskutierte mit in der Themenkonferenz, warf einen Blick in den Newsroom. „Wahnsinn, wie Sie es schaffen, so viele Informationen in so kurzer Zeit zu verarbeiten, so viele Entscheidungen zu treffen“, schmeichelte er.

 Vor dem Interview gab der Gast mit italienischer und US-amerikanischer Staatsbürgerschaft noch einen Hinweis: Es sei manchmal schwierig, ihn zu verstehen. Das war keine Anspielung auf seinen amerikanischen Dialekt im sonst nahezu perfekten Deutsch, sondern eine auf die zwei Rollen, in denen er auch als AmCham Germany-Präsident steckt: Wenn er „Wir“ sage, meine er oft „Wir in Deutschland und Europa“. Manchmal meine er aber auch „Wir Amerikaner“.

Ende April 2018 wählte die AmCham Germany Sportolari zu ihrem Präsidenten. Die AmCham Germany wurde 1903 in Berlin gegründet. Heute sind 3000 Mitgliedsfirmen in der Organisation vernetzt – darunter auch viele deutsche Firmen, die in den USA tätig sind.


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Herr Sportolari, was für ein Auto fahren Sie?

Ha! Ein chinesisches!

Ist nicht Ihr Ernst.
Doch! Ich bin fünf Jahre die Mercedes R-Klasse gefahren. Das Auto hat sieben Plätze – und ich habe sechs Kinder. Ich wäre es auch gern weitergefahren, aber der Leasingvertrag ist ausgelaufen. Und ich hatte ein wenig ein schlechtes Gewissen wegen des CO2-Ausstoßes. Jetzt fahre ich einen Volvo XC90, ein Hybridfahrzeug, das ich bei der Arbeit aufladen kann. Und Volvo gehört bekanntlich komplett den Chinesen – auch wenn die Schweden behaupten, sie hätten mit dem Land gar nichts zu tun.

Donald Trump hat ja vor allem deutsche Autohersteller im Visier. Könnte er mit Zöllen wirklich die US-Autoindustrie stärken?
Das glaube ich kaum. Die deutschen Hersteller dominieren den Markt in den USA ja nicht. Nur im Luxussegment sind sie stark. Führend sind die US-Hersteller und die Japaner. Zölle, die speziell gegen ein Land gerichtet sind, sind sowieso das falsche Signal und schaffen nur weitere Probleme.

Sie waren vor Kurzem in Washington. Wie sieht man Deutschland dort?
Wir haben mit fast allen gesprochen: Republikanern, Demokraten, Unabhängigen. Und wir haben sie alle gefragt: Was ist los? Habt ihr ein besonders Problem mit uns Deutschen, unseren Autobauern?

Und? Haben Sie?
Nein. Oder sagen wir: Die einen mehr, die anderen weniger. Sehr aufschlussreich war das Gespräch mit Handelsminister Wilbur Ross. Der sagte: ‚So ein Quatsch. Trump bewundert die Deutschen!’ Ich glaube, vielleicht spielt da auch Neid eine Rolle: Das produzierende Gewerbe in Deutschland wächst stetig und robust – und gewinnt Marktanteile.

Warum ist das so? Weil Qualität sich im Freihandel durchsetzt?
Ja und nein. In Europa glaubt man manchmal, in den USA würde man minderwertige Qualität produzieren, die nicht konkurrenzfähig ist. So ist es nicht. Es gibt sehr viele Sektoren, in denen US-Hersteller weltweit gut dabei sind oder sogar den Markt beherrschen – zum Beispiel bei Landwirtschaftsmaschinen. Von den Tech-Konzernen gar nicht zu reden. Doch Zölle auf beiden Seiten verzerren die Lage.

Warum überhaupt der Ärger? Unsere Autokonzerne fertigen doch in den USA. Nicht nur die.
Präsident Trump will sie zwingen, auch mehr Teile von Zulieferern aus den USA zu beziehen. So wird das aber nicht gehen. Beispiel BMW, die in Spartanburg in South Carolina ihre große SUV-Fabrik haben. Wenn man die zwingt, Milliardeninvestments in den USA zu tätigen, geht das nicht gut. Jedesmal wenn man versucht hat, einen Strom des Welthandels zu lenken, hatte das Auswirkungen, die fast nie vorhersehbar und fast immer negativ waren.

Noch einmal gefragt: Würden GM, Ford und Co von Zöllen wirklich gegen BMW und Co profitieren?
Zunächst wohl ja. Wenn es kaum noch Mercedes auf dem US-Markt gibt, würde Cadillac sicher kurzfristig profitieren, da sie die Preise anheben könnten. Aber auch da weiß man: Das ist nicht nachhaltig, denn es verhindert Innovationen. Zölle sind nie gut für den Markt. Zudem schafft auch der Pkw-Import Jobs bei Händlern und in Spezialwerkstätten. Das wird gern unterschlagen.

Trump hatte auch angeboten, alle Zölle zu streichen. Freihandel total.
Das war wieder so ein Schnellschuss. Vom Prinzip her begrüße ich das ja und: Hätte Präsident Trump als Ziel einen schrittweisen Abbau der Zölle angeregt, hätte das Chancen, umgesetzt zu werden. Ich hoffe, dass er das eigentlich so gemeint hat.

Aber wirklich null Zölle?
Null Chance! Man denke allein an den Agrarsektor: Frankreichs Bauern würden auf die Barrikaden gehen. Und die Landwirte in den USA übrigens auch.

Was sind Trumps Aussagen dann wert?
Uns mag deren Art und Inhalt nicht gefallen. Aber wir haben gelernt, dass Präsident Trump in der Regel das tut, was er ankündigt. Das gibt uns in Deutschland die Möglichkeit, sich darauf einzustellen und vielleicht auch über den Schatten zu springen und die Dinge anzupacken, die modernisiert werden müssen.

In Brüssel und Berlin denkt mancher lieber an Rache – zum Beispiel in Form einer neuen Steuer für Internetkonzerne.
Im Prinzip wäre es ja sinnvoll, das globale Steuersystem ins Zeitalter der Digitalisierung zu holen. Unternehmen brauchen Rahmen mit langfristigen Regeln. Selbst auf Zölle oder Steuern in Höhe von 100 Prozent kann man sich einstellen und damit umgehen. Aber ich fand es doch sehr unglücklich, als vor einigen Wochen ausschließlich US-Konzerne beim Namen genannt wurden. Es gibt durchaus auch andere Firmen.

Die Tech-Unternehmen haben nichts falsch gemacht?
Genau. Sie haben Steuerangebote, die ihnen einzelne EU-Länder gemacht haben, angenommen. Würden sie keine Steuervermeidung betreiben, sondern freiwillig andernorts mehr Steuern zahlen, müssten sich ihre Manager dafür vor dem Board rechtfertigen. Zu Recht! Nur Steuerhinterziehung ist unfair und illegal.

Aber ist es nicht unfair, dass traditionell produzierende Konzerne wie Ford, Coca-Cola oder Dienstleister wie Ihre UPS kräftig Steuern zahlen. Amazon, Apple, Google und Facebook aber kaum?
Grundsätzlich sollte man Gewinne versteuern und nicht Umsätze. Aktivitäten zu besteuern, entbehrt jedes ökonomischen Sinns. Deshalb macht man das – mit Ausnahme der Mehrwertsteuer – ja auch nicht. Aber mit Blick auf die genannten Unternehmen soll das Prinzip nicht gelten? Umso weniger, als dass die vielen Firmen in der Digitalwirtschaft ja schneller wachsen sollen. Die Idee von der Digitalsteuer ist nicht genug durchdacht.

Ein anderer Klassiker der Trump-Kritik sind die Ungleichgewichte in der Handelsbilanz. Deutschland wie auch China exportieren deutlich mehr in die USA als umgekehrt. Warum ist das so?
Es bedeutet nur, dass ein Land, derzeit also die USA, mehr kauft, als es im eigenen Land produziert. Nichts weiter. Eigentlich kann Amerika sich freuen, dass es für Geld oder Schuldscheine weltweit ganz viele Güter kaufen kann, weil es so kreditwürdig ist. Amerika kann sich freuen, dass es dort keine nennenswerte Inflation gibt, weil es so billig in anderen Ländern produzieren lässt.

Frank Sportolari (61) ist seit April 2018 Präsident der Amerikanischen Handelskammer AmCham in Deutschland und Deutschland-Chef…

Kann Politik die Handelsbilanz überhaupt nachhaltig beeinflussen – ohne sich von der Marktwirtschaft zu verabschieden?
Natürlich nicht. In dem Moment, in dem man einen Markt abschottet, hat man keine Innovationen, keine Kreativität und keine Investitionen mehr. Wenn ich allein einen Marathon laufe und die Goldmedaille sicher habe, lasse ich es doch ruhig angehen. Anfang der 70er-Jahre war ich ein Teenager und wollte ein Auto haben. Plötzlich kam der Ölpreisschock, Autofahren wurde für mich unbezahlbar. Fast über Nacht ließ man japanische Autos auf dem US-Markt zu: Die waren effizienter, innovativer und bezahlbar. Ohne diese Konkurrenz würden US-Hersteller bis heute keine sparsamen Autos bauen.

Glauben Sie Trump wäre flexibler im Freihandelsstreit, wenn Europa ihm auf anderen Feldern entgegenkäme, zum Beispiel mehr für Rüstung ausgäbe, oder Iran-Sanktionen mittragen würde?
Ja, den Eindruck habe ich bei den Gesprächen gewonnen. Die Administration bewertet alle Themen in ihrer Gesamtheit, verknüpft auch Themen miteinander, die nicht direkt zusammengehören.

Ein Beispiel?
Der Plan der Europäer, ein eigenes Zahlungsausgleichsystem in Konkurrenz zum etablierten Swift-System aufzubauen, um weiterhin Handel mit dem Iran treiben zu können, wird sehr negativ gesehen. Übrigens verstehen auch viele in Kreisen der Demokraten oder liberaleren Think-Tanks Europa in diesem Punkt nicht. Auch nicht den Bau der russischen Pipeline Nord Stream 2.

Was ist daran so schwer zu verstehen? Europa will sich seine Geschäftspartner selbst aussuchen.
In Amerika denkt man: Wenn du mit meinem Feind ein Bier trinken gehst, kannst du schlecht mein Freund sein. Man darf nicht unterschätzen: Für Präsident Trump gibt es einige Ziele in der Außenpolitik, die er unbedingt erreichen will – gern auch mit Mitteln der Wirtschaftspolitik.

Am Ende will er aber doch Chinas Dominanz verhindern. Aber hat Amerika noch die Macht dazu?
Die Verhandlungen zu TTIP mit Europa und TPP mit den pazifischen Staaten waren ja der Versuch, um gemeinsame Spielregeln durchsetzen, denen sich auch China unterordnen müsste. Das ist gescheitert. China hat 1,4 Milliarden Einwohner, das Land hat noch viel Platz für Wirtschaftswachstum. China hat zwar auch massive Probleme, zum Beispiel mit der Umweltverschmutzung, zugleich geht Peking bemerkenswert konsequent dagegen vor, zum Beispiel durch Programme für Elektroautos.

Dann können Amerika und Europa aufgeben?
Nein. Wir müssen jetzt nicht alle anfangen, Mandarin zu lernen. Man sollte aber versuchen, ein vernünftiges Verhältnis zu China aufzubauen.

Was ist Ihr Rat an deutsche Unternehmer, die doch lieber in den USA Geschäfte machen wollen?
Zeigt euch, mischt euch ein – und zwar in den Bundesstaaten und Countys, in denen ihr seid! Aus vielen Gesprächen wissen wir: Deutsche Unternehmer lassen sich zu wenig blicken. Sie beschäftigen zwar Millionen Arbeitnehmer in den USA, aber das ist dort den wenigsten bewusst. So werden deutsche Interessen in Washington auch kaum gehört. Dazu muss man wissen, dass Branchenverbände, so wie wir sie kennen, in Amerika keine große Rolle spielen. Man will am liebsten den CEO treffen. Der muss auf lokaler Ebene sagen: Pass auf, ich komme aus Deutschland und beschäftige in deiner Stadt 400 Arbeitnehmer. Diese Sprache verstehen sie. Und diese Message tragen sie bei nächster Gelegenheit persönlich ins Weiße Haus. Und dort wird sie auch gehört.

Wie hilft AmCham Germany dabei?
Wir wissen, dass viele Mittelständler weder das Personal noch die Zeit haben, um andauernd durch die USA zu touren. Wir bieten daher zum Beispiel regelmäßig Telefonkonferenzen mit lokalen Politikern an. Das findet großen Anklang. Da erklärt zum Beispiel ein Gouverneur: Kommt zu uns! Ihr seid willkommen! Wie können wir euch unterstützen? Wer in den USA Geschäfte machen will, soll uns fragen – auch wenn er noch kein Mitglied ist. Wir vermitteln gern.

Kommen wir zum europäischen Dauerthema: Flüchtlinge. Trump nannte Merkel „crazy“, weil sie 2015 Grenzen geöffnet hatte. Wie sehen Sie das?
Eigentlich könnte dieses Land stolz sein: Deutschland hat Leuten geholfen, die Hilfe benötigen. Und ich dachte lange: Wenn ein Land so etwas schaffen kann, dann Deutschland. Seit 2015 ist dann aber wenig passiert. Wir bei UPS beteiligen uns an einigen Initiativen zur Ausbildung junger Flüchtlinge – mit Erfolg. Auch andere Firmen tun das. Dabei frage ich mich: Wer in Deutschland wird durch die große Anzahl Flüchtlinge denn tatsächlich benachteiligt? Niemand.

Das sehen manche Bundesbürger offensichtlich anders.
Wenn ich 18 Jahre alt wäre und arbeitslos in Marokko, würde ich auch sehen, wie ich da wegkomme. Und das obwohl niemand gern seine Heimat verlässt und niemand freiwillig in ein Schlauchboot steigt für eine Fahrt übers Meer. Das kann man nur verhindern, indem man in diesen Ländern investiert, Jobs und Perspektiven bietet.

Zugleich brauchen Sie auch hier Arbeitskräfte. Auch Ihr Konkurrent Deutsche Post DHL bemüht sich intensiv darum, Flüchtlinge zu beschäftigen.
Ja, das liegt nahe, weil man bei uns nicht so viele Vorkenntnisse braucht, um einzusteigen. Und bei uns kann man noch Karriere machen. Unser Vorstandschef David Abney fing als 18-Jähriger als Teilzeitkraft in einer UPS-Packstation in Mississippi an. Heute ist er der Chef für rund 450 000 Mitarbeiter weltweit. The Sky is the Limit.

Haben Sie noch einen Tipp, wie die Wahlen ausgehen könnten am Dienstag?
Spätestens seit dem Brexit und der Wahl von Präsident Trump wissen wir, dass Prognosen mit Vorsicht zu genießen sind. Sicher ist, dass der Wahlausgang in vielen Wahlkreisen eng sind wird. Und wie wir aus der Vergangenheit wissen, hat es die Partei des Präsidenten oft schwer, die Mehrheit zu erlangen. Letzten Endes kommt es auf ziemlich viele Faktoren an – zum Beispiel auch auf die Wahlbeteiligung.

Was könnte der Ausgang der Wahlen für die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen bedeuten?
Sicherlich wird sich der politische Stillstand in Washington nicht über Nacht in Luft auflösen. Und es wird auch weiterhin über große politische Vorhaben teils recht heftig diskutiert werden. Wir sollten uns aber nicht nur auf die US-Hauptstadt konzentrieren. Die politischen Akteure in den einzelnen Bundesstaaten spielen eine wichtige Rolle bei der Gesetzgebung. Wir müssen daher nicht nur auf nationaler, sondern auch auf regionaler Ebene den Dialog pflegen. Das passiert schon ganz gut und wird sich auch nach der Wahl nicht ändern.

Das Interview führte Kevin P. Hoffmann

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