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Wirtschaft - 06.07.2019

Zurück zu altem Glanz

Die Griechen wählen an diesem Sonntag ein neues Parlament. Der Wirtschaft im Land geht es zehn Jahre nach Ausbruch der Krise besser, aber noch lange nicht gut.

Immer wieder forderten einige Griechen die Rückkehr zur Drachme.

Bisher sind es vereinzelte Anzeichen: Am Rohbau der Nationalgalerie in Athen wird nach jahrelangem Stillstand weitergearbeitet. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 18,5 Prozent zwar auf dem höchsten Niveau in Europa, aber immerhin nicht mehr bei 27 Prozent. Im Frühjahr hob die Ratingagentur Moody’s die Bonität des Landes um zwei Stufen auf B1 an. Die Wirtschaft wächst wieder, wenn auch nur um 0,2 Prozent im ersten Quartal. Der Tourismus boomt. Zehn Jahre nach dem Beginn der schweren Krise, die Griechenland nur dank mehrerer milliardenschwerer Hilfspakete der EU nicht in die Staatspleite stürzte, scheint das Land zumindest am Anfang einer Genesung.

Rote Karte für Tsipras?

Den Bürgern jedoch geht dies offenbar nicht schnell genug: Nach 14 Sparpaketen und diversen tiefgreifenden Reformen werden sie der linken Regierung von Alexis Tsipras jetzt wohl die rote Karte zeigen. An diesem Sonntag wählen sie ein neues Parlament – und Umfragen deuten darauf hin, dass die konservativ-liberale Nea Dimocratia (ND) zwischen 35 und 42 Prozent der Stimmen gewinnen und Tsipras’ Syriza auf den zweiten Platz verdrängen könnte.


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Politische Beobachter rechnen dies vor allem dem Spitzenkandidaten der ND zu: Kyriakos Mitsotakis, Spross einer griechischen Politiker-Dynastie und Sohn des früheren Ministerpräsidenten Konstantinos Mitsotakis. Er punktet vor allem mit der Hoffnung auf eine Rückkehr zur wirtschaftlichen Normalität.

Mitsotakis, in Harvard und Stanford ausgebildeter Wirtschaftsfachmann mit Banken-Erfahrung, setzt nicht auf Umverteilung. Er will Steuersenkungen für Unternehmen wie Beschäftigte, Abbau von Vetternwirtschaft und Bürokratie sowie Privatisierungen für ein wirtschaftsfreundlicheres Klima. Die Mehrwertsteuer soll sinken und den Konsum stützen. Abgewanderte Fachkräfte sollen aus dem Ausland zurückkommen. Sein Ziel ist es, die Wirtschaft mit Wachstumsraten von drei bis fünf Prozent zunächst auf ihr Vorkrisenniveau zurückzuholen. Noch liegt sie etwa ein Fünftel darunter.

Ministerpräsident setzt auf Wirtschaftspolitik

Doch auch Premier Tsipras, der in jüngsten Umfragen acht bis zehn Prozentpunkte hinter Mitsotakis lag, hat zuletzt die wirtschaftliche Karte gespielt. Er will die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel knapp halbieren, Strom verbilligen, Jobs schaffen, die Renten erhöhen. Allerdings haben die Kreditgeber der EU weiter ein Wörtchen mitzureden. Bis 2023 muss Griechenland jedes Jahr einen Primärüberschuss von 3,5 Prozent im Haushalt erzielen, also (vor Zinsdienst) deutlich mehr einnehmen als ausgeben.

Dass der Überschuss wegen einer Bonuszahlung an Rentner nur 2,9 Prozent erreichen könnte, hat die EU-Geldgeber alarmiert. Weitere Steuersenkungen könnten ihn vollends gefährden. Allerdings mehrt sich Kritik am Knebel der Geldgeber. Der Überschuss speise sich vor allem aus Steuern und blute das Land aus, klagt der griechische Unternehmerverband.

Ganz erholt ist das Land ohnehin noch lange nicht: Die Schuldenquote, also das Verhältnis zwischen Staatsverschuldung und Bruttoinlandsprodukt, liegt bei 181 Prozent und damit auf dem letzten Platz in Europa. Mit 335 Milliarden Euro steht das Land in der Kreide, wovon der größte Teil erst weit in der Zukunft zu tilgen ist. Auch die private Verschuldung ist seit der Krise von etwa 70 auf 130 Prozent der Wirtschaftskraft gestiegen, Ergebnis mehrerer Kürzungen von Renten und Gehältern. Zudem schleppen die Banken das Erbe der Krise in ihren Büchern mit: 43 Prozent ihrer Kredite sollen faul sein.

Erste Anleihe seit zehn Jahren

Dennoch hat sich das Land an den Kapitalmärkten wieder mehr Respekt verschafft: Nachdem im Spätsommer 2018 das Rettungsprogramm der EU offiziell beendet wurde, gelang es Athen sehr schnell, wieder selbst Kapital an den Märkten aufzunehmen. Im März konnte Griechenland erstmals seit zehn Jahren wieder eine zehnjährige Anleihe platzieren, zu einem Zins von 3,9 Prozent. 2,5 Milliarden holte sich das Finanzministerium, elf Milliarden hätte es holen können, so groß war das Interesse der Investoren. Die Aussicht auf einen Wahlerfolg der Nea Dimocratia hat die Renditen seither weiter gedeckelt: Am Freitag waren Investoren zeitweise sogar bereit, Athen für knapp über zwei Prozent Geld für zehn Jahre zu leihen.

Zum Vergleich: 2012 verlangten die Anleger auf dem ersten Höhepunkt der Krise noch fast 40 Prozent, 2015 waren es immer noch 15 Prozent. Schützenhilfe erhält Griechenland zwar auch von der Aussicht auf sinkende Leitzinsen. Doch spekulieren die Anleger auch darauf, dass Mitsotakis gewinnt und es ihm gelingen könnte, die Bonität Griechenlands wieder auf Investment Grade zu hieven. Das würde bedeuten, dass auch professionelle Investoren wieder verstärkt in griechische Anleihen gehen und heutige Besitzer mit Kursgewinnen rechnen könnten. Derzeit liegt die Bonität bei Moody’s noch vier Stufen darunter.

Touristik, Energiewirtschaft und Gesundheit boomen

An den Aktienmärkten ist die Euphorie groß: der griechische Index Athex Composite führt das europäische Feld auf Jahressicht mit einem Plus von 23 Prozent Plus an. Der Dax schaffte im gleichen Zeitraum nur 2,5 Prozent. Vor allem Banken und Aktien aus den Branchen, Touristik, Energiewirtschaft und Gesundheit boomen. So ist die Attica Bank binnen eines Monats um 45 Prozent gestiegen.

Dennoch ist der Markt weiter bescheiden bewertet. Im Schnitt notieren die 60 Aktien des Athex Composite nur bei 75 Prozent ihres Buchwerts. Gemessen an früheren Höchstständen bleibt der Athex ohnehin ein Zwerg. 1999 lag er im Hoch bei 5667 Punkten, aktuell steht er bei 1454 Zählern. Sollte Tsipras die Wahlen doch noch gewinnen oder Mitsotakis mit seinen ambitionierten Plänen scheitern, dürften die jüngsten Gewinne schnell wieder weg sein.

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