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Wissen - 12.02.2019

Abschreiben leicht gemacht

Nach den Vorwürfen gegen Franziska Giffey: Noch immer wird an Hochschulen zu wenig zur Prävention getan, kritisieren Experten.

Faule Eier im Bestand. Unis haben nicht die Pflicht, Plagiate bei Bibliotheken zu melden.

Seit 2011 erschüttern Plagiatsfälle prominenter Politiker das Vertrauen in die Promotion. Auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) soll in ihrer Doktorarbeit über „Europas Weg zum Bürger – Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft“ abgeschrieben haben. Giffey wurde 2010 an der Freien Universität Berlin (FU) promoviert. Die ehrenamtlich arbeitenden Plagiatsexperten von VroniPlag Wiki haben bislang auf 49 von 205 Seiten Plagiate dokumentiert. Worüber jetzt diskutiert wird – ein Überblick.

Politiker und Plagiate

VroniPlag Wiki wird immer wieder vorgeworfen, besonders gegen Politikerinnen und Politiker vorzugehen. Dagegen haben sich die Plagiatsexperten wiederholt gewehrt. Es gehe um saubere Wissenschaft und nicht um eine politisch motivierte Jagd nach Plagiaten. „Es sind die Medien, die die Politikerfälle besonders hervorheben“, sagt Debora Weber-Wulff, Mitwirkende beim VroniPlag Wiki und Informatikprofessorin an der HTW Berlin. In den Plagiatsuntersuchungen der Plattform seien politisch Aktive in der Minderheit. Dort seien seit 2011 nur 16 Arbeiten von Politikern, aber 50 von aktiven Wissenschaftlern dokumentiert worden.

Womöglich sind Politiker aber besonders anfällig dafür, zu plagiieren? Häufig schreiben sie ihre Doktorarbeiten neben ihrer Berufstätigkeit. Dass Politiker wegen der Mehrfachbelastung häufiger plagiieren, ist aber nicht zu erkennen, sagt Gerhard Dannemann, Juraprofessor an der Humboldt-Universität und VroniPlagWiki-Aktivist. Doch eines haben die seit 2011 veröffentlichten Plagiatsfälle in jüngerer Zeit bewirkt, sagt Weber-Wulff: Politikerinnen und Politiker würden ihre Titel nicht mehr so offensiv wie früher führen, ließen sich seltener als Frau oder Herr Doktor ansprechen.

Giffeys Weg zur Promotion

Als Franziska Giffey zwischen 2005 und 2009 an ihrer Dissertation arbeitete, stand sie schon voll im Berufsleben. Das geht aus ihrem Lebenslauf auf der Homepage ihres Ministeriums hervor. Von 2002 bis 2010 war Giffey demnach Europabeauftragte in der Verwaltung des Bezirksbürgermeisters von Neukölln. Zuvor absolvierte sie 1998 bis 2001 ein Studium zur Diplom-Verwaltungswirtin an der Berliner Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege (FHVR; seit 2009 Teil der HWR Berlin) und 2003 bis 2005 – also während ihrer Tätigkeit als Neuköllner Europabeauftragte – ein Masterstudium für Europäisches Verwaltungsmanagement an der FHVR mit Ausbildungsstationen bei der EU in Brüssel und beim Europarat in Straßburg.

Um im Anschluss promovieren zu können, musste Giffey an eine Uni wechseln – Fachhochschulen verfügen nicht über das Promotionsrecht. Giffey ging an das Otto-Suhr-Institut (OSI) für Politikwissenschaften an der FU. Ihre Doktormutter war Tanja Börzel, OSI-Professorin und Leiterin der Arbeitsstelle Europäische Integration.

Mangelnde Prävention

Dass Wikipedia keine Quelle für eine wissenschaftliche Arbeit sein darf, lernen schon Schüler. Doch das Internetlexikon wird von Studierenden und Doktoranden gerne zurate gezogen und ohne Quellenangabe in die Arbeit kopiert. Zu oft würden Lehrende dies nicht einmal bemängeln, kritisiert Plagiatsexpertin Weber-Wulff. Zum einen fehle es an Pflichtseminaren zum wissenschaftlichen Arbeiten für alle Studierenden ab dem ersten Semester. Zum anderen erhielten sie von ihren Dozenten nicht das notwendige Feedback. Dutzende Studierende pro Lehrveranstaltung, zehn Promovierende oder mehr pro Professor: Da fehle einfach die Sorgfalt.

Vielfach seien Lehrende auch kein gutes Beispiel, wenn sie etwa die Arbeit von Studierenden oder wissenschaftlichen Mitarbeitern in Aufsätzen als ihre eigene ausgeben. Weber-Wulff sieht Plagiate als ein „systemimmanentes Problem“, solange die Zahl der Promotionen und Publikationen pro Professor als Karriere- und Rankingkriterien zählen. Sinnvoll wären mit Experten besetzte Beratungsstellen zum Thema Plagiat an jeder Hochschule oder zumindest in jedem Bundesland, die Lehrende fortbilden und Studierende coachen, sagt Weber-Wulff. Diese Stellen könnten auch bei Bedarf professionelle Plagiatsprüfungen vornehmen.

Wie Unis prüfen

Von einer flächendeckenden Plagiatsprüfung an Hochschulen in Deutschland kann offenbar keine Rede sein, weil Professoren sich die Zeit für gründliche Lektüre nicht nehmen wollen. Auch Plagiatssoftware wie „Turnitin“, „Urkund“ oder „Copyscape“ wird an Berliner Hochschulen „eher zurückhaltend“ eingesetzt. Das ergab im Juli 2018 eine Anfrage der AfD-Fraktion. Gegen den Einsatz von Plagiatssoftware sprechen schon Datenschutzbedenken gegen das elektronische Herunterladen der Arbeiten. Hinzu kommt, dass die Programme lediglich automatisiert nach Übereinstimmungen mit anderen Texten suchen und korrekt gesetzte Fußnoten dabei nicht erkennen. Insofern können „Turnitin“ und Co. nur erste Hinweise auf Plagiate geben, wenn sie etwa seitenweise direkte Zitate ausweisen. „Der Rest ist Handarbeit“, sagt Weber-Wulff, die seit Langem die Funktionsweise von Plagiatssoftware prüft.

Die Berliner Hochschulen berufen sich denn auch darauf, dass Gutachtende das Abschreiben in aller Regel bei der Durchsicht der Arbeiten entdecken, durch Stil- brüche, wechselnde Rechtschreibung oder etwa die Nutzung unterschiedlicher Formeln. Die Zahl der aufgefallenen Betrüger ist nicht hoch, an der FU beispielsweise waren es bei studentischen Hausarbeiten 2013 fünf Fälle, 2014 zwölf und 2017 zehn.

Plagiatsexperten kritisieren auch die geringe Aufklärungsquote bei Plagiaten. VroniPlag Wiki meldet alle mit Namen dokumentierten Plagiatsfälle an die Hochschulen. Doch zu oft habe man nicht einmal eine Eingangsbestätigung bekommen, Fälle würden vorschnell „entsorgt“, indem Promotionskommissionen sie ohne Prüfung als nicht relevant einstuften, monierten Dannemann und Weber-Wulff bereits im Jahr 2015. Oder Plagiatoren könnten ihre Arbeit „unverändert, aber mit korrekter Zitierweise“ erneut vorlegen. An diesen Befunden habe sich bis heute nichts geändert, sagt Weber-Wulff. „Es wird weiterhin wenig aufgedeckt und aberkannt, es werden oft trotz massiver Plagiate nur Rügen erteilt.“

Hingegen sagt Michael Seadle, Professor für Bibliothekswissenschaften an der Humboldt-Universität und dort Ansprechpartner für wissenschaftliches Fehlverhalten, Universitäten seien zu schnell bereit, Titel abzuerkennen. Er bezweifle, dass die frühere Bundesbildungsministerin Annette Schavan „fair“ behandelt wurde, erklärte er in der „Lausitzer Rundschau“. Auch seien die Maßstäbe von VroniPlag Wiki zu hoch, öffentliche Vorwürfe könnten „eine Karriere zerstören“. Ein „Plagiat untergräbt die Wissenschaft nicht. Das ist ein ethisches und urheberrechtliches Problem“, sagte Seadle. Das eigentliche Problem seien Datenverfälschung und Bildmanipulation.

Umgang mit plagiierten Doktorarbeiten

Während Plagiatsjäger und Hochschulen mit viel Aufwand Plagiate feststellen, ist keineswegs sicher, dass die Nutzer der Schriften von deren Kontamination erfahren. Denn längst nicht alle Bibliotheken kennzeichnen die betroffenen Arbeiten. Und wenn, geschieht dies nicht durchgängig und nicht in einheitlichem Stil. „Entzug des Doktorgrades“, vermerkt etwa der Online-Katalog Primo der FU an Schavans Dissertation. Die Staatsbibliothek zu Berlin wählt in solchen Fällen die wenig explizite Formulierung: „Gilt nicht mehr als Hochschulschrift“ – einen Stempel im Buch gibt es nicht. Und der Online-Katalog der Deutschen Nationalbibliothek vermerkt zwar, dass Schavan ihr Titel entzogen wurde. Doch an der Arbeit von Silvana Koch-Mehrin fehlt ein solcher Hinweis, womöglich weil die Uni den Titelentzug nicht gemeldet hat.

„Es herrscht Kraut und Rüben“, sagt Armin Talke, Fachreferent für Politikwissenschaft in der Staatsbibliothek zu Berlin. „Doch woher sollen wir auch erfahren, dass ein Titel entzogen wurde?“ Unis können das für sich behalten. Denn eine Meldepflicht an die Universitätsbibliothek und die mit ihr vernetzten Verbünde besteht nicht, wie Talke kritisiert.

Talke ist Mitglied der Rechtskommission, die im Deutschen Bibliotheksverband über Empfehlungen nachdenkt. Dabei geht es nicht zuletzt um Datenschutzfragen, die von der Kennzeichnung des Plagiats im Internetkatalog berührt sein können. Werden dadurch Persönlichkeitsrechte verletzt? Rolf Schwartmann, Juraprofessor an der TH Köln, hat im Auftrag des Gremiums „Ombudsman für die Wissenschaft“ im vergangenen Herbst ein Gutachten dazu erstellt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass ein Entzugsvermerk nur dann zulässig ist, wenn der Grund für den Entzug des akademischen Grades – also etwa Plagiat oder fehlerhafte wissenschaftliche Daten – angegeben wird. Denn nur dann liege der Vermerk innerhalb der Aufgabenzuweisung einer Unibibliothek: der Erhaltung der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft.

Sollte die Kommission des Deutschen Bibliotheksverbands den Mitgliedern eine Empfehlung unterbreiten, sind laut Talke zwei Optionen denkbar: Die kompliziertere wäre, die Länder aufzufordern, in ihren Bibliotheks- und Hochschulgesetzen sichere Rechtsgrundlagen zu schaffen. Die andere bestünde darin, dass Bibliotheken nicht darauf hinweisen, dass es sich um ein Plagiat handelt, sondern lediglich den Hinweis entfernen, dass es sich um eine Hochschulschrift handelt. Das solle den Lesern dann ermöglichen, den Text als nichtwissenschaftlich einzuordnen und entsprechend damit umzugehen.

Wie die FU im Fall Giffey vorgeht

Die FU will ein formelles Prüfverfahren im Fall Giffey „in Kürze“ einleiten, teilte ein Sprecher der FU auf Anfrage mit. Giffeys Doktormutter Tanja Börzel will sich nicht zu dem laufenden Verfahren äußern. Welches Gremium Giffeys Arbeit auf Plagiate untersuchen werde, stehe noch nicht fest, erklärt der Sprecher. Üblich ist, dass sich dieselbe Promotionskommission, die die beanstandete Dissertation ursprünglich begutachtet hat, erneut mit der Arbeit befasst. Wann die Uni über einen möglichen Entzug des Doktorgrades entscheidet, ist laut FU noch nicht abzusehen.

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