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Kultur - 15.03.2019

Gemeinsam tanzen: Die Partyreihe Arab Beats

Der Schöpfer der legendären Berliner Balkan Beats hat ein neues Partykonzept: Robert Soko lädt zu Arab Beats, wo syrische Geflüchtete auf deutsche und internationale Besucher treffen und mit ihnen feiern können.

Die Musik pumpt, der Schnaps fließt und die syrischen Flüchtlinge versuchen, die Vergangenheit für einen Moment aus den Köpfen zu bekommen. Im Rhythmus der arabischen Beats tanzen sie einen traditionellen Kreistanz aus dem Nahen Osten. Einer von ihnen stützt sich auf Krücken, weil ihm ein Bein fehlt – er ist ein Kriegsopfer. Viele hier haben großes Leid gesehen und lange Fußmärsche hinter sich gebracht. Jetzt, da sie ihre Reise beendet haben, ist es Zeit zum Feiern.

„Ich fühle mich hier wirklich sicher“, sagt der Syrer Ali der DW vor dem Berliner Nachtclub Bi Nuu, in dem die Arab-Beats-Partys steigen. „Aus Syrien kam ich nach Istanbul und ich kannte niemanden. Dann kam ich hierher – und jetzt das alles“, sagt er mit Blick auf die Feier. „Ich will nur Sicherheit. Ich bin ein friedlicher Kerl, ich mache keine Probleme.“

Kriegstraumata vergessen

Die Atmosphäre bei Arab Beats erinnert an Berlin in den 1990er Jahren, als sich eine andere Gruppe von Geflüchteten in den Clubs und Bars der Stadt versammelte, um ihre Kriegstraumata mit Musik, Tanz und Alkohol zu vergessen: Bosnier aus Ex-Jugoslawien. Wie damals die Bosnier, treten heute die Syrer an, das Nachtleben Berlins zu verändern.

Kein Wunder, dass mit Robert Soko ein Mitorganisator der Arab Beats damals auch Schöpfer von Balkan Beats war. 1990, zwei Jahre vor dem Krieg in Bosnien, war der heute 49-Jährige im Alter von 19 Jahren nach Berlin gezogen. Er wurde Taxifahrer, mit anderen Ex-Jugoslawen hing er damals in einer Kreuzberger Punkbar ab, einem beliebten Treffpunkt „von Linken, Hausbesetzern, unbeachteten Künstlern, Alkoholikern und anderen Wahnsinnigen“, wie er sich erinnert.

Robert Soko

Dort spielte Soko Kassetten mit Jugo Punk und New Wave ab und musste im Gegenzug nicht fürs Bier zahlen. Durch Mundpropaganda wurden die Partys bald größer. Robert Soko fügte Gypsy Musik hinzu, bald tauchten auch immer mehr Deutsche auf, bis er irgendwann im Kreuzberger Lido vor Hunderten Menschen spielte und seine Partyreihe bald in die ganze Welt exportierte, von London bis Tokio.

Ein menschlicher Impuls

Inzwischen arbeitet Robert Soko mit dem aus Sarajevo stammenden niederländischen Filmemacher Sergej Kreso an einem Film, Kreso macht Aufnahmen bei Arab Beats, filmt DJs und Tänzer. Während er an dem Projekt gearbeitet habe, hätten sich die Umstände in Berlin und Europa verändert, sagt Kreso. „Als ich anfing, gab es das große Problem mit den Flüchtlingen. Viele Leute liefen buchstäblich durch den Balkan, auf der gleichen Route wie Robert Soko und ich damals.“

Robert Soko sagt, er identifiziere sich mit Menschen in Schwierigkeiten. „Mit Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und auf der Suche nach einer besseren Zukunft sind.“ Das sei der natürlichste menschliche Impuls. „Und ich heiße diese Menschen willkommen, all diese Menschen.“

Seit etwa vier Jahren gibt es in Berlin eine Vielzahl von arabischen Partys, sie heißen „Achtung Hafla“, „Flying Arabs“ oder „Arab Song Jam“, eine wöchentliche, sehr beliebte arabische Jamsession in der Werkstatt der Kulturen in Neukölln.

Rafi Gazani (vorne) ist einer der DJs bei den Arab-Beats-Partys.

Arab Beats ist die jüngste Partyreihe, die sich nicht nur an syrische und arabische Flüchtlinge richtet, sondern auch das deutsche und internationale Publikum ansprechen soll. Uros Petkovic ist einer der DJs bei Arab Beats. Der gebürtige Serbe kam 2016 aus Belgrad nach Berlin und ist Sokos Partner beim Balkan Beats Sound System.

Kein Kitsch, modern und cool

„Wir wollen elektronische, Berliner DJ-Sets mit eindeutig arabischem Schwerpunkt machen“, sagt Petkovic. „Nicht diese kitschige arabische Disco, sondern wirklich im Berlin-Stil, modern und cool.“ Petkovics Partner an der DJ-Konsole ist Rafi Gazani, ein extravaganter, halb-syrischer, halb-palästinensischer Ingenieur, der nun in Berlin als DJ lebt und arbeitet. „Ich kam aus der Golfregion und entdeckte meine kreative Seite“, sagt Gazani. „Also fing ich an, in meiner Seele zu graben.“ Arabische Musik sei der vom Balkan sehr ähnlich. „Es ist, als ob es irgendwie verbunden ist.“

Eine weitere Parallele zum Beginn der 1990er Jahre ist das politische Klima: Wie damals, als rechte Parteien wie die Republikaner durch das Schüren von Ängsten vor Flüchtlingen Erfolge errangen, zieht heute die AfD Profit aus dem Schicksal der größtenteils syrischen Menschen. „Es geht immer nur um die Migration auf diesem Planeten“, sagt Soko. „Wir alle migrieren ständig, so ist Menschheit auf diesem Planeten nun mal definiert. Das ist eine unendliche Geschichte.“ Veränderungen seien dabei ganz normal. „Die Frage ist nur, wie man damit umgeht. Wir tanzen.“

Die nächste Arab Beats Party steigt am 15. März 2019 im Lidolino, dem Partykeller des Lido in Berlin-Kreuzberg.

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