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Sport - 08.07.2019

Wo sich Tradition und Moderne bestens vertragen

Das Tennisturnier in Wimbledon ist längst eine weltweite Marke geworden. Dass die Zuschauer Glück und Geduld brauchen, hat sich aber nie geändert.

Plan B. Die Fans in Wimbledon brauchen keine Karten für den Center Court, um Cori Gauff zu sehen.

Jeder Tennis-Tag in Wimbledon beginnt mit dem einem, immer gleichen Satz: „Stewards, open the gates please!“ Exakt um 10.30 Uhr wird die Öffnung der Tore des All England Clubs über Lautsprecher verkündet. Dann steigt die Spannung bei den Massen, die Einlass begehren. Insgesamt 42.000 Menschen strömen in den folgenden Minuten auf die Anlage. Das allerdings gemessenen Schrittes, rennen ist in Wimbledon ausdrücklich untersagt.

Sarah und Hector haben sich seit Tagen auf diesen Moment gefreut. Sie leben in einem Londoner Vorort, rund 20 Minuten vom Bahnhof in Wimbledon entfernt. Wenn möglich, versuchen sie jedes Jahr beim Turnier dabei zu sein. „Es ist einfach mehr als Tennis. Du verbringst einen tollen Tag draußen, es ist wie ein großes Picknick und nebenbei gibt es noch ein paar Matches“, erzählt Sarah, die sich gar nicht so sehr für den Sport interessiert. Hector geht in dieser Hinsicht etwas mehr mit, schon am Abend zuvor hat er sich einen Plan zurechtgelegt, welche Spiele auf welchen Courts er sich anschauen will.

Je 25 Pfund haben sie bezahlt, für ihre so genannten „Ground Passes“. Damit haben sie theoretisch zu allen Plätzen Zugang – abgesehen von Centre Court, Court No. 1 und Court No. 2. Um an die Karten für die großen Plätze zu kommen, brauch es entweder eine Clubmitgliedschaft, Glück bei der jährlichen Ticketverlosung – oder viel Geduld. Auch ein Zelt kann nützlich sein, denn 16 Stunden bevor die Tore öffnen, sollte man schon da sein, um eine realistische Chance zu haben.

Wer so verrückt ist, reiht sich in die berühmte „Queue“ in der Church Road ein. Die Schlange zieht sich unweit hinter der U-Bahn-Station Southfields über hunderte Meter. Und sie wird auch am spielfreien Sonntag nicht kürzer. In diesem Tagen ist die Stimmung sowieso besonders relaxed. Das Wetter spielt mit. Alles erinnert an ein großes Open-Air-Festival. „Früher habe ich das auch mal gemacht“, erinnert sich Hector. „Das muss in den Achtzigerjahren gewesen sein, da bin ich tatsächlich auf den Centre Court gekommen und habe ein Match von Ivan Lendl gesehen – auf einem Stehplatz. Die gab es damals noch.“

Kontrast in Wimbledon könnte größer nicht sein

Inzwischen hat sich viel verändert auf dem Clubgelände, Tradition und Moderne gehen nebeneinander her – und vertragen sich bestens. Das lässt sich gut an den Besuchern festmachen. Tatsächlich gibt es sie hier noch, die feinen Leute aus gutem Hause, die sich für den Tag auf der Anlage richtig schick machen und so einen deutlichen Kontrast bilden zu den normalen Tennisfans, die Shorts und T-Shirt tragen. Vorzugsweise findet sich die High Society inklusive der königlichen Entourage natürlich auf dem Centre Court ein. Der hat in diesem Jahr allerdings ein bisschen Konkurrenz bekommen, denn auch der Court No. 1 verfügt jetzt über ein Dach. Und darauf sind sie in Wimbledon ziemlich stolz, in nur zwölf Monaten haben sie ihren zweigrößten Platz regensicher gemacht – „ohne dabei das Budget zu überziehen“, wie der verantwortliche Architekt erzählt.

Geld wäre in Wimbledon allerdings nicht das Problem. Das Tennisturnier ist längst eine weltweite Marke. Praktisch alle Werbebotschaften am Bahnhof und drumherum haben etwas mit Tennis zu tun. Dabei achten die Firmen penibel auf die richtigen Farben: grün und violett – so wie die des Clubs. Auch das Wimbledon Village sieht aus wie eine riesige Sportanlage mit angeschlossenen Geschäften, Restaurants und Häusern.

Mit Dach. Das moderne Wimbledon macht sich nichts aus schlechtem Wetter.

In den 14 Tagen des Turniers platzt die Kleinstadt in der Großstadt aus allen Nähten, trotzdem bricht hier kein Chaos aus. Taxis bringen die Menschen für 2,50 Pfund vom Bahnhof zum Ziel, unterwegs fachsimpeln die Fahrgäste über das neue 15-jährige Wunderkind Cori Gauff oder staunen über den wunderbaren Blick von Wimbledon Hill auf die Londoner Skyline.

Sarah und Hector haben sich derweil in einem der zahlreichen Foodcourts mit Essen und Trinken eingedeckt. Ein Bier kostet 5,90 Pfund, Teriyaki Chicken mit Reis gibt es für neun Pfund. „Das ist eigentlich viel zu teuer, aber das ist eben Wimbledon“, sagt Hector. Bisher hatten sie einen tollen Tag, viereinhalb Stunden haben sie Tennis geschaut, auf Court No. 12. Wollen die beiden die Spiele des Center Courts verfolgen, tun Sarah und Hector das auf der großen Videoleinwand am Court No. 1 vom Murray Mound aus, wo die Stimmung fast ein bisschen an ein Fußballstadion erinnert. Nebenan gibt es noch Leute, die darauf hoffen, zurückgegebene Tickets am „Resale“-Kassenhäuschen zu ergattern. Ein hoffnungsloses Unterfangen an diesem Tag. „Die Schlange hat sich in zwei Stunden kein bisschen bewegt“, berichtet Hector lachend.

Am ersten Sonntag ist traditionell Ruhetag in Wimbledon. Am Samstag waren bereits die letzten deutschen Einzelspieler ausgeschieden.

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