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Wirtschaft - 11.05.2019

Konzern will 4000 Stellen in Deutschland streichen

Thyssen-Krupp muss wegen der EU die Fusion mit der indischen Tata Steel absagen und bringt die Aufzüge an die Börse.

Die Konzernspitze erwägt nun offenbar eine Holding-Struktur.

Abgesehen von Volkswagen hat kein anderes Unternehmen in den vergangenen Jahren so viele – negative – Schlagzeilen produziert wie Thyssen-Krupp. Am Freitag war es mal wieder so weit. 6000 seiner gut 150 000 Arbeitsplätze will der Ruhrkonzern in den nächsten drei Jahren streichen, weil die Abspaltung des Stahlbereichs in ein Joint-Venture mit Tata abgeblasen werden musste. Die EU-Wettbewerbsbehörde hat das Vorhaben trotz „signifikanter Zugeständnisse“ beider Unternehmen untersagt, teilte Thyssen-Krupp mit. Das sei ein herber Schlag für die 27 000 Mitarbeiter, die Thyssen-Krupp im Stahl beschäftigt und für die der Konzern nun eine „umfangreiche Restrukturierung“ plant. Das Veto der EU-Behörde sei ein „Rückschlag“, erklärte Vorstandschef Guido Kerkhoff und kündigte eine „Kehrtwende“ an: „Wir bauen ein ganz neues Thyssen-Krupp.“

Milliarden in Übersee verbrannt

Das ist in jüngster Zeit häufiger passiert. 2010 hatte der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme den Siemens-Manager Heinrich Hiesinger von München nach Essen geholt, damit der die Altlasten abräumte, die von Cromme selbst, sowie dem langjährigen Vorstandschef Ekkehard Schulz zu verantworten waren: 2006 war in Essen die Entscheidung für den Bau von zwei großen Stahlwerken in den USA und Brasilien gefallen: Eine der größten Fehlinvestitionen in der deutschen Industriegeschichte. Nach reichlich Pleiten, Pech und Pannen verkaufte Hiesinger die neuen Anlagen 2014 und 2017. In Summe verbrannte der Konzern acht Milliarden Euro in den Stahlwerken. „Wir leiden immer noch unter den Spätfolgen“, sagte Kerkhoff am Freitag.


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Hiesinger wollte raus aus dem Stahl

Hiesingers Ziel war die Bildung eines diversifizierten Industriekonzerns, der in High-Tech-Bereichen gutes Geld verdient und sich aus dem konjunkturanfälligen Stahl zurückzieht. Hiesinger handelte das Joint-Venture mit Tata aus und wehrte sich beharrlich gegen die Forderungen von Finanzinvestoren, die zum Verkauf der profitablen Aufzug- und Fahrtreppensparte (Elevator Technology) drängten. Mit rund einer Milliarde Euro Gewinn ist der Bereich Elevator mit Abstand die profitabelste der fünf Thyssen-Krupp-Sparten. Nach der Abspaltung des Stahls sollten die Profite von Elevator genutzt werden für Investitionen in die Automobilzulieferung, den Großanlagenbau sowie in den Handel von Roh- und Werkstoffen. Doch den eigenen Aktionären – darunter die Finanzinvestoren Cevian und Elliot – reichte das nicht. Und da Hiesinger sich vom größten Anteilseigner, der Krupp-Stiftung, nicht ausreichend unterstützt sah, trat er im vergangenen Sommer zurück.

Kerkhoff folgte auf Hiesinger

Finanzvorstand Guido Kerkhoff wechselte damals auf den Chefstuhl – und macht jetzt das Gegenteil von Hiesinger: Elevator wird zwar nicht verkauft, doch bis zu 49,9 Prozent werden an die Börse gebracht. Die Mehrheit soll bei Thyssen-Krupp bleiben, kündigte Kerkhoff an. Der Wert der Sparte, die Aufzüge, Fahrtreppen und Fluggastbrücken produziert, wird auf rund 15 Milliarden Euro veranschlagt. Gut sieben Milliarden Euro könnten also Thyssen-Krupp zufließen. Gebraucht wird das Geld dringend.
„Unserer aktuelle Performance ist schlechter als erwartet“, sagte Kerkhoff. Vor allem im Bereich Autozulieferung laufen die Geschäfte mäßig, und die Kartellstrafe wegen Preisabsprachen bei Grobblechen fällt mit gut 100 Millionen Euro auch höher aus als erwartet. Umso bemerkenswerter die Reaktion der Börse auf die jüngste Wendung in Essen: Der Kurs der Thyssen-Krupp-Aktie stieg im Verlauf des Handels am Freitag um bis zu 20 Prozent. Jedoch von einem niedrigem Niveau: Seit Anfang des Jahres hat der Anteilsschein 40 Prozent seines Wertes verloren.

Verwaltungskosten halbieren

Der Vorstand wähle jetzt einen „neuen, disruptiven Ansatz unter Anerkennung der Realitäten“, formulierte Kerkhoff. Die Geschäftseinheiten sollen mehr Eigenständigkeit bekommen und die Verwaltung in Essen weiter abgespeckt werden; derzeit betragen die Verwaltungskosten 380 Millionen Euro pro Jahr, in drei Jahren sollen es weniger als 200 Millionen sein. Zum konzernweiten „Performanceprogramm“ gehört der Arbeitsplatzabbau, über den in den kommenden drei Monaten mit den Arbeitnehmervertretern verhandelt wird. „In Nordrhein-Westfalen arbeiten 40 000 Menschen bei Thyssen-Krupp, und diese Arbeitsplätze wollen wir absichern“, sagte Knut Giesler, Chef der IG Metall in NRW, dem Tagesspiegel. Im Stahl habe es noch nie betriebsbedingte Kündigungen gegeben, und das solle auch so bleiben.
Tatsächlich will der Vorstand 2000 der avisierten 6000 Arbeitsplätze im Stahl streichen und weitere 2000 im Ausland. Personalvorstand Oliver Burkhard, der bis 2012 Gieslers Vorgänger bei der IG<TH>Metall war und dann die Seiten wechselte und zu Thyssen-Krupp ging, strebt einvernehmliche Lösungen an. „Wir wollen die Veränderungen mit und nicht gegen die Mitarbeiter“, sagte Burkhard.

Das Jahr bringt einen Verlust

Das Platzen des Joint-Ventures mit Tata führt auch dazu, das rund vier Milliarden Euro an Verbindlichkeiten und Pensionsverpflichtung in der Thyssen-Krupp-Bilanz bleiben. Kerkhoff erwartet nur noch einen Jahresgewinn vor Steuern und Zinsen von 1,1 Milliarden Euro. Unterm Strich wird sogar mit einem Verlust gerechnet. „Wir sind noch immer kein starker Industriekonzern“, räumte der Vorstandschef ein. Mit dem Geld aus dem Börsengang soll das anders werden.

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