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Wirtschaft - 2 Wochen ago

Warum kommt die Verkehrswende bei der Fahrradbranche nicht an?

Fahrradfahren gilt als elementarer Bestandteil neuer Verkehrspolitik und gesunder Trend. Doch Handel und Industrie merken davon noch nichts.

Verbände beklagen, dass die Fahrrad-Infrastruktur in Deutschland nicht modern genug sei.

Eigentlich müssten Fahrradhersteller und -händler das Lachen derzeit kaum noch aus dem Gesicht bekommen. „Damit noch mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen, fördert die Bundesregierung den Radverkehr“, heißt es auf der Internetseite des Bundesverkehrsministeriums. „Der Senat fördert die Entwicklung des Radverkehrs mit zahlreichen Instrumenten“, ist im Online-Auftritt der Senatsverwaltung für Verkehr zu lesen. Und unter Stadtplanern und Verkehrsexperten ist ohnehin schon lange Konsens, dass das Fahrrad das Fortbewegungsmittel der Zukunft ist. Die viel beschworene Verkehrswende, sie ist ohne den Zweiradverkehr undenkbar.

Doch hört man sich in der Fahrradbranche um, ist von Jubelstimmung nichts zu merken. Trotz immenser staatlicher Unterstützung bei den Rahmenbedingungen ist in der Branche von einem Boom noch nichts zu spüren. Beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), dem größten deutschen Fahrradverband, zeigt man sich ob der wirtschaftlichen Entwicklung wenig euphorisch.

„Obwohl Elektroräder und Cargobikes boomen und die Menschen heute bereit sind, deutlich tiefer für gute Räder in die Tasche zu greifen, nimmt die Gesamtzahl der verkauften Räder leider seit einigen Jahren leicht ab“, teilt der Verband auf Nachfrage mit.

Zahl der verkauften Fahrräder geht zurück

Einen „ernüchternden Trend“ gebe es auch beim Radverkehrsanteil, also beim Anteil aller Wege, die mit dem Rad zurückgelegt werden. „Er dümpelt seit Jahren bei zehn bis elf Prozent herum“, so der ADFC. Dabei habe sich die Bundesregierung im Nationalen Radverkehrsplan „wenig ambitionierte“ 15 Prozent vorgenommen, heißt es weiter.


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Ein Blick auf die Verkaufszahlen gibt der Einschätzung des ADFC recht. So ist die Zahl der verkauften Fahrräder und E-Bikes zwischen 2015 und 2017 insgesamt von 3,82 auf 3,13 Millionen gesunken. Die Produktion in Deutschland ist im selben Zeitraum sogar von 1,88 auf 1,26 Millionen gesunken – ein Minus von rund 33 Prozent. Dass die Branche dennoch nicht im Krisenmodus ist, liegt daran, dass der durchschnittliche Preis pro Fahrrad in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist.

Verantwortlich dafür ist vor allem der kräftige Anstieg der verkauften E-Bikes. Das führt dazu, dass die Umsätze im Vergleich zu den Absatzzahlen in den vergangenen Jahren stabil blieben. „Der Markt stagniert stückzahlmäßig seit Jahren auf hohem Niveau“, wertet der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) die Situation. Und auch hier heißt es: „Dass sich die Verkehrswende in steigenden Absatzzahlen widerspiegelt, kann man momentan noch nicht sehen.“

Fahrrad-Lobby sieht Versäumnisse bei der Politik

Doch woran liegt das? Aus Sicht der Fahrradverbände ist die Antwort eindeutig: Die Politik hält ihre Versprechungen nicht ein. „In Deutschland fehlt die leistungsfähige Rad-Infrastruktur“, teilt der ADFC mit. Es brauche Hunderttausende Kilometer von breiten Premium-Radwegen quer durch unsere Städte, sichere Kreuzungen und gute Fahrradabstellanlagen. Und in bester Aktivistenmanier fügt der Fahrrad-Club an: „Und vor allem brauchen wir mutige Politikerinnen und Politiker, die sich trauen, dem Platzfresser Auto Stück für Stück Platz abzutrotzen, um ihn für effizientere Mobilität zu nutzen.“ Auch der ZIV sieht bei den meisten Städten noch erheblichen Handlungsbedarf.

Dass die zunehmende Zahl von Mietfahrrädern in Großstädten ein Grund für die stagnierenden Absatzzahlen ist, glaubt man in der Fahrradlobby hingegen nicht. „Leihfahrräder sind eine gute Ergänzung für die urbane Mobilität“, heißt es vom ZIV. „Dennoch hat der Konsument nun mal gern auch sein eigenes Fahrrad. Die Verkaufszahlen beeinflusst diese Entwicklung deshalb nicht unbedingt.“

Doch es gibt Hoffnung, dass es langsam bergauf geht. Mit Blick auf das vergangene Jahr sagt der Verband des Deutschen Zweiradhandels auf Nachfrage: „Aus Händlersicht gab es 2018 beim Absatz von Fahrrädern einen leicht positiven Trend im Vergleich zum Vorjahr.“

Mittlerweile ist der Markt der Fortbewegungsmittel auf zwei Rädern sehr differenziert. Die verschiedenen Modell-Arten entwickeln sich dabei sehr unterschiedlich. Eine Übersicht zu vier wichtigen Trends:

Lastenräder: Vom Staat gefördert

Geförderte Beförderung: Bund und Länder unterstützen die Anschaffung von Lastenrädern finanziell.

Den Lastenrädern, auch Cargobikes genannt, wird eine wichtige Rolle zur Lösung innerstädtischer Verkehrsprobleme zugesprochen. Es handelt sich dabei um – häufig elektrisch betriebene – Fahrräder, die über eine Ladefläche oder einen Stauraum verfügen. Als Vorbild gilt das inzwischen zum Kultfahrzeug gewordene Christiania-Bike aus Kopenhagen.

Inzwischen ist diese Fahrradgattung allerdings weiterentwickelt worden und auch gewerblichen Ansprüchen angepasst. Schon jetzt werden Lastenräder daher von großen Unternehmen wie etwa dem Logistiker Hermes eingesetzt, um Paketlieferungen auszuführen.

Die Politik unterstützt diesen Trend finanziell auf mehreren Ebenen. So erstattet die Bundesregierung Unternehmen und Kommunen seit dem 1. März 2018 bis 28. Februar 2021 (rückwirkend bis 29. November 2017) 30 Prozent der Anschaffungskosten von Cargobikes, Lastenanhängern und Gespannen mit Pedelec-Antrieb und einem Mindest-Transportvolumen von einem Kubikmeter. Maximal 2500 Euro pro Fahrzeug werden so vom Staat zugeschossen. Auch einige Bundesländer haben Förderprogramme für Lastenräder aufgelegt, darunter ist auch Berlin.

So hatte der Senat 2018 angekündigt, 200.000 Euro für die Förderung von Lastenrädern zur Verfügung zu stellen, 130.000 davon für private Antragsteller, den Rest für Gewerbetreibende. Ähnlich wie beim Förderprogramm des Bundes wird ein Drittel der Kaufsumme erstattet; beim Kauf eines elektrischen Lastenrades maximal 1000 Euro pro Fahrzeug, bei unmotorisierten Cargobikes maximal 500. In diesem Jahr sollen dafür insgesamt sogar 500.000 Euro bereitstehen.

„Die Resonanz war sehr groß“, teilt die Senatsverwaltung für Verkehr auf Tagesspiegel-Anfrage mit. „Im vergangenen Jahr sind rund 1900 Anträge eingegangen. Es konnten 231 Förderanträge bewilligt werden.“ Das bereitgestellte Geld reichte jedenfalls nicht aus. Welche Summe das Land tatsächlich ausgegeben hat, will die Behörde allerdings nicht verraten.

E-Bikes: Das Boom-Segment

Gut versteckt: Den Motor sieht man bei vielen modernen E-Bikes kaum noch (hier im Gestell).

Wenn es einen boomenden Bereich des Fahrradmarktes gibt, dann sind das die E-Bikes. 2010 lag die Zahl der verkauften elektronisch angetriebenen Fahrräder in Deutschland bei 200.000, sieben Jahre später hat sich die Zahl laut dem ZIV mehr als verdreifacht. Für das Jahr 2018 geht man von circa 850.000 verkauften E-Bikes aus.

„Das E-Bike ersetzt in Großstädten vor allem bei Familien zunehmend das Zweitauto – für Berufspendler auf dem Weg zur Arbeit und auch im Alltag“, ist sich Matthias Wiese sicher, der jedes Jahr im Frühjahr die Messe „E-Bike-Days“ in München veranstaltet.

„Jeder zweite E-Bike-Besitzer nutzt das E-Bike auch in der Freizeit und im Sport“, so Wiese. „Die Zielgruppe verjüngt sich stark. Das E-Bike ist nicht mehr nur für ,alte Leute‘.“

Innerhalb des E-Bike-Marktes sind elektrische Mountainbikes das am stärksten wachsende Segment. Während elektrische Fahrräder in ihrer Anfangszeit noch mehr einem Mofa als einem Fahrrad ähnelten, sind die Motoren inzwischen immer kleiner geworden, viele Modelle sind von normalen Fahrrädern kaum noch zu unterscheiden.

An Modellen wie dem Adam von der Firma Schindelhauer oder dem Townie Go! von Electra merkt man: Das Design wird immer wichtiger. Laut dem ZIV ist der E-Bike-Boom noch lange nicht vorbei. Dort heißt es, man rechne mittelfristig mit einem E-Bike-Anteil von 25 Prozent am Gesamtfahrradmarkt, langfristig könnte sogar ein Drittel aller Fahrräder elektronisch betrieben sein.

E-Scooter: Der neueste Trend

Streitobjekt: Noch ist nicht klar, unter welchen Voraussetzungen E-Scooter in Deutschland zugelassen werden.

Als neuester Trend der Mobilitätsbranche gelten elektrische Tretroller. Was sich zunächst für manche Ohren nach Kinderspielzeug anhören mag, könnte schon bald das Bild in einigen Städten prägen. Bei diesen sogenannten E-Scootern handelt es sich um zumeist faltbare Roller, die man per Fußtritt bewegen kann, die aber mit einer Leistung von 500 bis 1000 Watt auf Geschwindigkeiten von bis zu 40 km/h kommen. Einige Modelle, wie etwa der „eFlux Street 40“ haben einen Sattel, auf den meisten muss man aber stehen.

In den USA sind E-Scooter schon seit dem vergangenen Sommer weitverbreitet. Anbieter wie die Start-ups Bird oder LimeBike verteilen sie bereits als Leihroller auf den Straßen, so wie in Berlin Leihfahrräder an jeder Ecke zu finden sind. Auch in Deutschland stehen Start-ups wie das Berliner Unternehmen Wind.co bereits in den Startlöchern.

Allerdings sind diese elektrischen Roller hierzulande offiziell noch gar nicht zugelassen. Vor einigen Tagen erst sorgte allerdings ein Gutachten des Bundesverkehrsministerium für Aufsehen, das den Einsatz von E-Scootern auch auf Gehwegen und ab zwölf Jahren vorschlägt. Strittig ist zudem, ob Blinker an den Fahrzeugen vorgeschrieben werden müssen oder ob nicht doch eine Führerscheinpflicht gelten soll.

Ein Problem, das mit den kleinen Flitzern einhergeht, ist die Versicherungsfrage. Denn bei den möglichen Geschwindigkeiten können leicht hohe Schadenssummen zusammenkommen. Wer dafür haftet, ist aktuell noch nicht geregelt. Ein Berliner Start-up wollte trotzdem nicht auf die Beantwortung all dieser Fragen warten. Seit Mitte Februar vermietet das Unternehmen Grover E-Scooter des chinesischen Elektronikherstellers Xiaomi für 49,99 Euro pro Monat. Was allerdings passiert, wenn ein Grover-Fahrer auf einen Ordnungsamtbeamten trifft, ist nicht bekannt.

„Normale“ Fahrräder: Der Klassiker bleibt wichtig

Ganz unmotorisiert: Rennräder verkaufen sich noch immer gut.

Trotz aller gehypten Fortbewegungsmöglichkeiten auf zwei Rädern ist das klassische, pedalbetriebene und für eine Person gedachte Fahrrad noch immer das meistverkaufte Produkt, das der ZIV in seinen Statistiken führt. Mit 30,5 Prozent hatten Mountainbikes dabei 2017 den größten Anteil an den neu verkauften Fahrrädern. Es folgten sogenannte Cityräder mit 19 Prozent. Rennräder machten einen Anteil von vier Prozent aus, Kinderräder lagen bei drei Prozent.

„Das E-Bike wird das Fahrrad so schnell nicht ersetzen“, ist sich auch der ZIV sicher. Dabei geht der Trend auch bei Alltagsrädern zu teureren Modellen. Laut dem ZIV wurden zuletzt vermehrt hochpreisige Modelle verkauft, die eine längere Nutzungsdauer versprechen. Einsteigerfahrräder mit eher billiger Ausstattung seien weniger gefragt. Insgesamt hat aber fast jeder Deutsche Zugang zu einem Fahrrad.

Laut der aktuellen Studie „Mobilität in Deutschland“ des Bundesverkehrsministeriums besitzen rund drei Viertel der befragten Haushalte ein Fahrrad. Mit einem höheren ökonomischen Status der Haushalte steigt der Anteil sogar auf bis zu 81 Prozent.

Und auch, wessen Fahrrad noch nicht elektrifiziert ist, muss inzwischen nicht auf Hightech verzichten. In den Bereichen Diebstahlschutz und Sicherheit gibt es mittlerweile eine ganze Armada von Gadgets rund ums Fahrrad. So gibt es beispielsweise Sattel, die sich per Knopfdruck verstellen lassen, Schlösser, die man mit Bluetooth vom Smartphone aus bedient, GPS-Tracker, die kein Dieb abstellen kann, oder Radargeräte, die anzeigen, wenn sich ein Auto oder Lkw gefährlich nähert.

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