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Politik - 22.10.2018

Als die Hexengöttin mit Bart Brett Kavanaugh verflucht

In Zeiten von Donald Trump greifen einige Amerikaner zu ungewöhnlichen Mitteln, um ihren Missmut auszudrücken: auch zu Okkultismus und Hexenritualen. Mit Friedhoferde im Einmachglas verflucht ein New Yorker Hexenzirkel den neuen Obersten Richter Brett Kavanaugh. 0

In dem kleinen, feinen Esoterik-Buchladen „Catland Books“ versammelte sich ein merkwürdiger Menschenhaufen, während sich der Abend über Brooklyn herabsenkte. Frauen waren eindeutig in der Überzahl, die meisten von ihnen jung; viele trugen Hexenkostüme. Wachskerzen wurden angezündet, Fotos verbrannt.

Auch Erde von einem frischen Grabmal und Sargnägel spielten eine wichtige Rolle. (Die Erde von dem Grabmal wurde in ein Einmachglas gefüllt, damit man immer wieder von seinen magischen Kräften Gebrauch machen konnte.)

Bei alldem ging es um Brett Kavanaugh, den Mann, der glaubwürdig beschuldigt wird, er sei als betrunkener Jugendlicher über eine Frau hergefallen – und nach einer Senatsanhörung, bei der er mehrfach unter Eid log, dennoch zum Richter am Supreme Court ernannt wurde.

Ein Hexenzirkel in Brooklyn hatte beschlossen, Brett Kavanaugh nach allen Regeln der magischen Kunst zu verfluchen. Mehr als tausend Leute hatten erklärt, sie wollten an jenem Ritual teilnehmen; ungefähr 60 Menschen passten in jenen Buchladen hinein.

Angeführt wurde die Verfluchungszeremonie von Dakota Bracciale, einer 28-jährigen „transsexuellen Wolfkönigin und Hexengöttin“, die weder mit dem männlichen noch dem weiblichen Pronomen angesprochen werden möchte.

Dakota Bracciale hat früher für den Kosmetikkonzern „MAC“ gearbeitet – das sieht man: lange, lila lackierte Fingernägel; perfekt gezupfte Augenbrauen; Lidschatten. Tätowierungen auf den Unterarmen. Außerdem hat Dakota Bracciale einen Bart und dunkle Haare auf der Brust.

Auf die Frage, ob die amerikanischen Linken sich durch Aktionen dieser Art nicht in Gefahr begäben, ein wenig – nun ja – dämlich auszusehen, antwortet Bracciale achselzuckend, das sei ihm/ihr egal. Solche Rituale hätten schon in der Vergangenheit stattgefunden. Zum Beispiel habe der Hexenzirkel von Brooklyn bereits drei Mal Donald Trump verflucht.

Das hat dem amerikanischen Präsidenten, der von Sieg zu Sieg schreitet, aber doch nicht wirklich geschadet? Doch, meint Dakota Bracciale. Die von Robert Mueller geleitete Untersuchung in Trumps zwielichtige Russlandkontakte habe seither enorme Fortschritte gemacht.

Schließlich sei es nicht das Ziel solcher Verfluchungszeremonien, ihr Ziel um Leben oder Gesundheit zu bringen. Es reiche völlig, seinen Ruf zu ramponieren. Außerdem sei es der Sinn eines solchen Rituals, jenen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind, ihre Würde und ihr Selbstbewusstsein zurückzugeben.

Die Frage, ob Dakota Bracciale eine gute oder eine böse Hexe sei, wird von ihm/ihr als undialektisch zurückgewiesen. Das Universum sei chaotisch. Auf eine simple Zweiteilung wie jene zwischen gut und böse ließen seine Mächte sich nicht zurückführen.

An der Verfluchungszeremonie in dem Esoterik-Buchladen fällt vor allem eines auf: ihre Gutgelauntheit. Viel Kichern. Die Kerzen flackern im Halbdunkel.

Der Höhepunkt des Rituals ist erreicht, als Dakota Bracciale im Chor den 109. Psalm vortragen lässt. Es sei eine altehrwürdige Praxis, Texte aus der Bibel für magische Rituale heranzuziehen, erläutert die Hexengöttin mit dem Bart, schließlich sei das früher oft das einzige Buch gewesen, das im Haus vorrätig war.

Die Verwendung gerade dieses Psalms sei eine merkwürdige Ironie – schließlich, so Bracciale, hätten die christlichen Rechten ihn herangezogen, um von ihren Kanzeln in den Kirchen Barack Obama zu verdammen.

Der 109. Psalm gehört zu den Rachepsalmen. Ein ausweglos Verfolgter fleht Gott an, seinen Widersacher zu strafen: „Seiner Tage sollen wenige werden, und sein Amt soll ein anderer empfangen. Seine Kinder sollen Waisen werden und sein Weib eine Witwe. Seine Kinder sollen umherirren und betteln und vertrieben werden aus ihren Trümmern.“ Ob auch alle spüren würden, wie gut sich das anfühle? fragt Dakota Bracciale. Die Reaktion: erleichtertes Lachen. Brett Kavanaugh möge sich vorsehen!

Es ist leicht, sich über all dies lustig zu machen, aber vielleicht wächst hier eine neue Jugendbewegung heran. Die Lebensgeschichte von Dakota Bracciale mag hier beispielhaft sein: Er/sie wuchs in einem stramm christlichen Elternhaus auf – in jenem Milieu, das es in ländlichen Gegenden in den Vereinigten Staaten immer noch gibt, wo am Sonntag mit Klapperschlangen hantiert wird. (Die Grundlage dafür sind zwei Stellen im Neuen Testament, in denen Jesu Naschfolgern versprochen wird, Gift könne ihnen nichts anhaben.)

Bracciale löste sich von seinem evangelikalen Kinderglauben und wurde mit Hilfe der Bücher von Christopher Hitchens und Richard Dawkins zum Atheismus bekehrt. Aber dann fehlte etwas. Und dieses Loch füllte Bracciale mit Hilfe jener Fasanenfüße und Mausknochen und kostbar auf Hochglanzpapier gedruckten Hexenmagazine („Sabat“), die zwischen den schwarz gestrichenen Wänden von „Catland Books“ feilgeboten werden.

Solche Hinwendungen zum Esoterischen und Okkulten haben Krisen in den Vereinigten Staaten schon öfter begleitet – vor und nach dem amerikanischen Bürgerkrieg etwa. (Mary Todd Lincoln soll im Weißen Haus Seáncen abgehalten haben.) Die Leute, die um die Jahrtausendwende herum geboren wurden, fühlen sich alleingelassen in einer chaotischen Welt. Sie sind ohnmächtig und wütend; sehr wütend. Esoterische Hexenrituale geben ihnen das Gefühl, dass sie die Macht über ihr Schicksal zurückerobern können.

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